1035 Kinder in der Notbetreuung

In den Kindereinrichtungen im Landkreis Stendal sind mit Stand vom Dienstag 1035 Mädchen und Jungen in der Notbetreuung. Das macht rund 15 Prozent der bestehenden Kita-Verträge aus, erklärte Kathrin Müller, Leiterin des Kreis-Jugendamtes. Beim Großteil gebe es „noch Spielraum nach oben“, bei einigen Einrichtungen sei die Kapazitätsgrenze aber fast erreicht. In diesen Fälle gibt es das Angebot an Eltern, die in systemrelevanten Berufen tätig sind und deren Kinder Anspruch auf Notbetreuung haben, auf eine andere Einrichtung auszuweichen.

Geöffnet sind alle Kindereinrichtungen, auch wenn nur ein Kind oder wenige Kinder dort betreut werden. Dies sei so gewollt, um eine „Gruppendurchmischung“ von Kindern verschiedener Einrichtungen zu verhindern.

In den Einrichtungen ist die Anzahl der Notbetreuungsplätze beschränkt. Als Richtschnur der Landesvorgabe gilt eine maximale Kinderzahl pro Raum, erklärte die Amtsleiterin. Ziel ist es, Großgruppen zu vermeiden. Soweit es geht, soll Abstand gehalten werden, wichtig ist die Einhaltung der Hygieneregeln.

Das Thema Maskenpflicht wurde auch für Kindereinrichtungen diskutiert. „Das sehe ich fachlich sehr problematisch“, sagte Kathrin Müller, „denn Kinder reagieren sehr sensibel auf die Vermummung von Bezugspersonen“. (dly)

Stendal l So groß die Freude vieler Eltern gewesen sein mag, als die vierte Eindämmungsverordnung den Anspruch auf Notbetreuung in Kindertagesstätten um viele Berufsgruppen erweiterte, so ernüchternd kann es dieser Tage sein, wenn die Kitas an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und manche Eltern sich womöglich nach anderen Lösungen für ihre Kinder umsehen müssen.

So weit ist es bei der Kita „Abenteuerland“ in Stendal, die zur Borghardtstiftung gehört, noch nicht. Momentan besuchen 31 Kinder die Kita, Anspruch hätten laut Kitaleiter Bernd Mitsch allerdings bereits 70 der insgesamt 84 gemeldeten Kinder. „Bei solchen Zahlen könnten wir schon bald an die Grenzen unserer Kapazitäten kommen“, so Mitsch. Denn man unterliegt strengen Auflagen. Kinder dürfen höchstens in Fünfergruppen betreut werden, Räume müssen mindestens fünf Quadratmeter pro Kind bieten. Das schränkt die Möglichkeiten enorm ein.

„Wir haben maximal neun Räume, die diesen Auflagen entsprechen“, sagt der Kitaleiter, „somit könnten wir zum jetzigen Zeitpunkt maximal 45 Kinder betreuen.“ Seit Eingang der neuesten Eindämmungsverordnung und der damit einhergehenden Lockerung der Notbetreuungsbestimmungen besuchen konstant mehr als 25 Kinder die Kita, Tendenz steigend.

Entscheidung liegt beim Jugendamt

Der Erlass des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration vom 17. April lässt einigen Interpretationsspielraum, zum Beispiel, wenn in Paragraph 2, Absatz 2, die Rede davon ist, dass Kinder in einer „möglichst nahegelegenen Einrichtung“ betreut werden sollen, falls die Überschreitung der Kapazitäten nicht nur „für wenige Tage“ stattfindet. Wieviele Tage das sind, ist nirgendwo definiert. In der Praxis bedeutet dies, dass das Jugend- und das Gesundheitsamt fallweise entscheiden, ob eine Überbelastung einer Kita kurzfristig möglich ist, oder ob die Betreuung andernorts geregelt werden muss.

Kathrin Müller, Leiterin des Kreis-Jugendamtes in Stendal, hat dazu eine deutliche Meinung: „Diese Entscheidungen zu treffen, ist für die einzelnen Einrichtungen nicht zumutbar.“ Entsprechende Anträge müssen direkt an das Jugendamt gerichtet werden, „den Lösungsvorschlag reicht man gleich mit ein“, so Müller. Man bemühe sich um eine möglichst rasche Lösung, oftmals „am selben oder am folgenden Tag“. Pauschale Lösungen sind aber nicht möglich, da einerseits „jede Einrichtung andere Möglichkeiten hat“, und andererseits „die individuellen Bedürfnisse des zu betreuenden Kindes“ berücksichtigt werden müssen.

Kompromisse und Widersprüchlichkeiten

Aber auch ohne die Überschreitung der Kapazitäten sehen sich die Kindertagesstätten mit einer Reihe von Herausforderungen und Widersprüchen konfrontiert. Bernd Mitsch wundert sich, wenn man „im öffentlichen Raum Mundschutz dringend anrät“, während „gleichzeitig die Notbetreuung ausgeweitet“ wird. „Diese Diskrepanzen der verschiedenen Maßnahmen schaffen zusätzliche Missverständnisse und Probleme“, moniert der 45-jährige Kitaleiter.

Im täglichen Umgang mit den Kindern sind viele der Hygienemaßnahmen auch schlichtweg „nicht durchführbar“. Nähe und Beziehungen sind „unabdingbar“ in der Kita, ein Mundschutz, sowohl bei Erziehern, als auch bei Kindern, ist im Alltag des Kindergartens unrealistisch. Selbiges gilt für die Unterbindung engen Kontakts unter den Kindern.

Dennoch bemüht man sich in der Kita „Abenteuerland“, den schwierigen Spagat zwischen Hygiene und Wahrung einer gewissen Normalität zu schaffen. Im Eingangsbereich sind Desinfektionsspender aufgestellt, die Eltern und Erzieher nach der Ankunft nutzen. Ebenso werden Türgriffe und Lichtschalter regelmäßig desinfiziert. Besucher müssen sich in eine Anwesenheitsliste eintragen und sind zum Tragen eines Mundschutzes verpflichtet. Andererseits versucht man, den Kindern möglichst die gewohnten Strukturen und Abläufe zu bieten.

Hoffen auf Rückkehr zur Normalität

Während Kindergärten im Normalbetrieb „oftmals Brutstätten für Erkältungen und Infektionen“ seien, so handle man jetzt noch vorsichtiger. Mitsch betont, dass man „Kinder mit jeglichen Erkältungssymptomen“ nun direkt nach Hause schickt, diese aber in den meisten Fällen „gar nicht erst gebracht werden“.

Angesichts dieses schwierigen Balanceakts wünscht sich der Kitaleiter vor allem „eine schnelle Rückkehr zur Normalität“, denn unter diesen Umständen „ist das keine Notbetreuung mehr.“