Möringen l Sie waren 14 Jahre alt und standen im Jahr 1955, nach Abschluss der achten Klasse, vor der Frage: Und wie geht es jetzt weiter? Manche hatten so ihre wagen beruflichen Vorstellungen, andere nicht. Aber alle hatten Eltern, von denen sie immer wieder hörten: Es wird erst einmal ein ordentlicher Beruf gelernt! Nicht selten ging die Initiative dafür, eine der wenigen Lehrstellen zu ergattern, auch von den Eltern aus. So wie bei Wolfgang Haacker. Eines Tages kündigte ihm seine alleinerziehende Mutter an, mit ihm nach Möringen fahren zu wollen. Denn dort bot die Betriebsberufsschule, die als Betriebsteil zum Volkseigenen Gut Saatzucht Uenglingen gehörte, die zweijährige Ausbildung zum Facharbeiter für Acker- und Pflanzenbau an. Nur zehn Minuten dauerte das Gespräch der Mutter mit den zuständigen Mitarbeitern, dann war die Lehrstelle für Sohn Wolfgang beschlossene Sache.

Hausmeisterin sorgte für Ordnung

Als beide dann den Gutshof überquerten, fuhren sie am Lehrlingswohnheim vorbei – und das machte schon was her. In dem 1926 im neoklassizistischen Stil erbauten Herrenhaus, von allen nur Schloss genannt, befanden sich nicht nur die Unterrichtsräume, sondern auch das Lehrlingswohnheim inklusive Speiseraum und Fotolabor für die Freizeitaktivitäten.

Mit im Haus wohnte auch Hausmeisterin Amanda Stoph. „Sie war eine resolute, für Ordnung sorgende Raucherin; die Sicherheit der Mädchen war absolut ‚gewährleistet‘“, erinnert sich Dr. Wolfgang Haacker, der heute in Walsleben wohnt, an die Zeit in Möringen. Und er erinnert sich an vieles und viele mehr: An den Berufsschulleiter und Lehrer Martin Uhlitzsch und dessen spätere Frau Anneliese, geb. Seibt, die Deutsch und Biologie unterrichtet hat (beide wechselten später an die Polytechnische Oberschule Möringen), an die sportlichen Aktivitäten der jungen Leute, an Tanzabende in der Gaststätte Ulbricht, an die solide Ausbildung, an Sport- und Erntefeste.

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Den 60. Jahrestag ihres Berufsabschlusses nahmen Wolfgang Haacker und Ewald Laudon aus Nahrstedt zum Anlass, Mitschüler von damals um ihre Erinnerungen zu bitten. Im vergangenen Jahr gaben sie mit Unterstützung des Kulturfördervereins „Östliche Altmark“ diesen ganz persönlichen Rückblick, der 30 Seiten umfasst und an dem acht Autoren mitgearbeitet haben, heraus. „Es gibt ganz unterschiedliche Blickwinkel auf die gemeinsame Zeit, auf das Erlebte und auf die Lehrkräfte“, sagt Wolfgang Haacker.

Auch Anneliese Uhlitzsch hat einen Beitrag geschrieben, um „über unser erfülltes Leben als Ehepaar und Lehrer“ zu berichten. Martin Uhlitzsch, der über Jahrzehnte den Möringer Vereinssport geprägt hat, war sehr begeistert von der Idee der gedruckten Erinnerungen, doch ihm war es nicht mehr vergönnt, selbst etwas dafür zu schreiben: Er starb im Jahr 2014.

Im Rückblick der ehemaligen Berufsschüler nimmt er aber noch heute einen sehr großen Platz ein. „Solche Menschen wie Anneliese Uhlitzsch und ihr Mann Martin sowie die anderen im Internat und im Gutsbetrieb Möringen tätigen Menschen haben in meinem Denken und Handeln tiefe Spuren hinterlassen“, schreibt Wolfgang Haacker in seinem Artikel.

Während die Mutter seinen Lebensweg in der Kindheit geprägt habe, waren es in der Jugend die genannten Pädagogen. Bei den weiteren Lebensstationen, versichert Haacker, „konnte ich immer auf Erkenntnisse zurückgreifen, die ich in Möringen gewonnen hatte und die mich fürs Leben prägten“. Diese Stationen waren ein Studium an der Fachschule Weimar, spätere Tätigkeiten an der Leipziger Uni, als Betriebsleiter oder in der universitären Agrarforschung oder als Leiter von Landesanstalten Sachsen-Anhalt in Bernburg und Iden.

Nachdem es in den ersten Jahrzehnten nach dem Berufsabschluss vereinzelte Treffen gegeben hatte, treffen sich die Frauen und Männer seit 1988 und damit seit 30 Jahren fast jährlich. Immer mal an anderen Orten, ins Elb-Havel-Land ging es ebenso wie nach Letzlingen oder Leipzig. Dort wohnt Elke Heller, geb. Pannier, die das diesjährige Treffen mitorganisiert. Das Jubiläumstreffen findet in Stendal statt, geplant ist neben einer Stadtführung und einem Besuch in der Jacobikirche eine Besichtigung des Möringer Schlosses. Das steht seit Jahren leer, nach der Wende war dort für einige Zeit ein Bildungsträger ansässig.

Apropos ansässig: Irmchen Seemann, geb. Haag, lebt noch heute mit ihrer Familie in Möringen, sogar in Nachbarschaft zum Park des Schlosses. Von Stendal, wo ihre Eltern eine Gärtnerei besaßen, ging es 1955 zur Berufsausbildung nach Möringen. Wie einige andere aus ihrer Klasse kehrte sie später der Landwirtschaft den Rücken und wurde Erzieherin. „Aus der Stadt aufs Land – ein großer Schritt, den ich aber nie bereut habe“, schreibt Irmchen Seemann in ihrem Beitrag, der den Titel „Einmal Möringen hin und zurück“ trägt.

Neben diesen vielen Rückblicken geht es bei den Treffen der ehemaligen Mitschüler aber immer auch um das Heute, darum, „Gegenwärtiges zu besprechen“, nennt es Wolfgang Haacker. Und daran, das freut den Walsleber besonders, haben alle anderen auch nach so vielen Jahren noch immer großes Interesse. Die Treffen werden gern besucht.