Stendal l Die Wahlperiode endet erst Anfang April. „Bis dahin gibt es noch einige Termine, die werde ich auch wahrnehmen“, betont Tilman Tögel. Doch im Plenum hat er sich bei der letzten Sitzung der Wahlperiode Ende Januar von seinen Kollegen verabschiedet. Auf Facebook postete Tögel zum Abschied den Blick von seinem Platz auf das Präsidium. Sein Namensschild an seinem Platz in der zweiten Reihe der SPD-Fraktion gleich hinter Fraktionschefin Katrin Budde hat er abgeschraubt. Neben der Stimmkarte ist es eines der Souvenirs, die den Stendaler Sozialdemokraten an ein Vierteljahrhundert im Landtag erinnern werden.

Einmal ging er noch ans Rednerpult. Als Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Wirtschaft brachte er das Änderungsgesetz zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen ein. Parlamentarischer Alltag. Und dennoch mit Symbolwert für einen überzeugten Europäer, der als einer der ersten Köpfe der Sozialdemokraten im Herbst 1989 den Aufbruch mit ermöglicht und gestaltet hat.

Spagat zwischen Land, Partei und Wahlkreis

„Ich hoffe, ich habe den Spagat zwischen den Interessen des Wahlkreises, des Landes und der Partei einigermaßen gut hinbekommen“, erklärte er anschließend in seinen Abschiedsworten im Parlament.

Bilder

Er wiederholt sie wenige Tage später beim Gespräch mit der Volksstimme. „Ich kann sagen, dass ich da Spuren hinterlassen habe“, zieht Tögel als Resümee. Für die Region zählt er einige auf. Den Erhalt des Salus-Standortes in Uchtspringe, den Aufbau der Hochschule in Stendal und insbesondere des Fachbereiches Kindheitswissenschaften oder dass Stendal und Tangermünde heute feste Größen an der europäischen Route der Backsteingotik sind, „daran habe ich schon einen maßgeblichen Anteil“. Den nimmt Tögel auch beim Erhalt des Theaters und bei der Privatisierung des RAW für sich in Anspruch. „Für die Region konnte ich doch einiges erreichen“, lautet seine Bilanz.

Sechs Wahlperioden gehörte der 55-Jährige, der einen Tag vor der Landtagswahl Geburtstag hat, dem Landesparlament an, zwei Mal konnte er dabei in den 1990er Jahren den Wahlkreis direkt gewinnen. „Manchmal gehört auch Glück dazu“, räumt er ein. Manchmal ist es auch Pech. Ein gutes oder schlechtes Wahlergebnis habe auch schon mal mit einem „Schröder-Bonus“ oder „Merkel-Malus“ seiner Partei zu tun gehabt.

Die ersten vier Jahre haben ihn besonders geprägt. „Nicht nur, weil wir ins kalte Wasser geschmissen wurden.“ Es galt, „das Land funktionsfähig zu machen“. Als erster Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion hatte Tilman Tögel auch die historische Chance, an der Landesverfassung mitzuarbeiten.

„Sternstunden“ der Arbeit

„Eine Sternstunde“, blickt er zurück. Da hierfür eine Zweidrittel-Mehrheit nötig war, brauchte die damalige CDU/FDP-Regierung hier auch die SPD-Opposition. „Man erlebt in einer solchen Situation, wie man ernsthaft in einer Diskussion an einem Ergebnis feilt.“ Im Parlamentsalltag habe dagegen „schwarz-gelbe Arroganz“ geherrscht.

In seiner Abgeordnetenzeit hat Tilman Tögel Zeiten in der Regierungs- wie in der Oppositionsfraktion erlebt. „In der Opposition hat man es deutlich einfacher. Wenn man in der Regierung ist, kann man gestalten, aber es ist auch anstrengend.“

Die Zeit der SPD-geführten Minderheitsregierungen von 1994 bis 2002 hat er in guter Erinnerung: „Das war eine sehr verlässliche Zusammenarbeit. Wenn einmal unter uns Fachpolitikern etwas ausgehandelt war, konnte man sich darauf verlassen.“ Das sei in der schwarz-roten Zusammenarbeit „bei Weitem“ nicht so, schätzt Tögel ein. „Die Schwierigkeit war, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Rot-Rot damals deutlich schlechter war, als sie immer noch ist“, bedauert er.

Demokratie lebt von der Veränderung

In 25 Jahren hat es für die SPD in der Region Höhen und Tiefen gegeben. „Demokratie lebt von Veränderung und ist durchmischend“, betont der Parlamentarier. Und er hält sich mit seiner Kritik an der CDU in Stadt und Landkreis nicht zurück. „Eine zu enge Verknüpfung wirkt sich nicht gerade positiv aus“, sagt er mit Blick auf Sparkasse und Briefwahlskandal. „Da sind Seilschaften entstanden, die nicht gerade positiv sind.“

Der SPD-Politiker kann für sich in Anspruch nehmen, zu DDR-Zeiten „nicht zum Mainstream“ gehört zu haben. So hat er sich auch als Landtagsabgeordneter verstanden. „Ich habe immer gesagt, was ich denke. Das hat es mir nicht immer leichter gemacht“, bekennt er sich dazu, „nicht immer pflegeleicht“ zu sein und „Ecken und Kanten“ zu haben. Mag sein, dass das auch den Sprung ganz nach oben als Minister oder Staatssekretär verhindert hat. „So etwas kann man aber nicht planen, das hängt mitunter auch von Zufällen ab“, zieht er für sich da einen Schlussstrich: „Ich habe mich als Parlamentarier wohl gefühlt.“

Ein Thema ist ihm dabei besonders wichtig geworden – ein vereinigtes Europa. Jahrzehntelang hatte er im Landesparlament Europapolitik als Schwerpunkt und das Land in Brüssel im Ausschuss der Regionen vertreten. Hier will sich Tilman Tögel auch weiter einbringen. So behält er seine Vorstandsämter auf Landes- und Bundesebene in der Europäischen Bewegung. „Die Europäische Union ist nicht das Problem, sondern die nationalen Interessen der Regierungen“, ist seine feste Überzeugung.

Weiter Engagement für Europa

Noch bevor ihn vor fast zwei Jahren eine inzwischen bezwungene Krebserkrankung heimsuchte, hatte sich der Stendaler entschieden, dass nach 25 Jahren Schluss sein sollte.

Wie es weitergeht? „Ich habe keinen Plan für eine bezahlte Beschäftigung“, bekennt Tögel. Finanziell ist er einigermaßen abgesichert. Im Kreistag bleibt er der SPD erhalten. Für die Kaschade-Stiftung will er künftig mehr Zeit investieren, aber „auch ein paar mehr Bücher“ lesen. Dass er sich langweilen werde, kann sich Tilman Tögel nicht vorstellen: „Wenn es etwas gibt, wo ich mich einbringen kann, ist das gut.“