Stendal l Dass die Apfelbäume in diesem Jahr schwer an ihrer fruchtigen Last zu tragen haben, freut Obstbauern wie André Stallbaum natürlich. Allerdings ist die in Aussicht stehende üppige Ernte – Stallbaum geht von rund 400 Tonnen aus den drei Apfelplantagen des Betriebes aus – kein Zufallsprodukt. „Wir helfen da ein bisschen nach“, sagt der Betriebsleiter der Stallbaum GbR mit vielsagendem Lächeln.

Jenes Nachhelfen beginnt schon früh im Jahr. So wie sich die ersten Kirschblüten öffnen – auch dieses Obst hat einen gewichtigen Platz in der Stallbaumschen Angebotspalette – summt und schwirrt es zwischen den Baumreihen. Neben Wildinsekten, die in unzähliger Masse ohnehin in den Plantagen zu Hause sind, brummt dann auch mancher Helfer durch die Luft, der kurz zuvor erst per Post anreiste. André Stallbaum: „Obst ist anders als einige Getreidearten auf Fremdbestäubung angewiesen. Auch wenn wir uns da auf die in den Plantagen lebenden Insekten ganz gut verlassen können, haben wir gute Erfahrungen mit den zugekauften Hummeln gemacht.“

Dichter Pelz auf rundem Körper

Erfahrungen, die in der Stallbaum GbR seit etwa fünf Jahren gesammelt werden und die besagen, dass die Hummeln schon bei einer Lufttemperatur von acht Grad ausfliegen. Bienen tun das nicht, brauchen mindestens zwei bis drei Grad mehr, um ihren sprichwörtliche Bienenfleiß entfalten zu können. Zudem sind sie eher die Schönwetter-Arbeiter.

Bilder

Hummeln hingegen fliegen auch bei Regen und Wind. Ihr dichter Pelz aus feinen Haaren isoliert sie und der rundliche Hummelkörper verliert weniger Wärme als der lange, schlanke Leib der Biene.

Zwei, drei Grad entscheiden

Zwei, drei Grad Temperaturunterschied klingt nicht viel, ist aber, wenn es ums Bestäuben der ersten Obstblüten geht – zum Beispiel bei den Süßkirschen – , eine entscheidende Größenordnung. Denn zu dieser Zeit sind die lauen Lüftchen, für die und bei denen Honigbienen schwärmen, keinesfalls garantiert.

Apropos Honigbienen: Dass die durch die Stallbaumschen Obstplantagen summen, hat sich ebenfalls vor Jahren, aber eher zufällig, ergeben. Imker aus der Region kamen auf den Obstbauern zu. Immer nur Rapsblütenhonig? Wie wäre es denn mal mit Obstblütenhonig? Die Stallbaums sagten ja, sich des Nutzens für ihre Obstproduktion durchaus bewusst. Was herauskam ist eine sogenannte „Win-win-Situation“, wie man neudeutsch sagt.

Die Stallbaum GbR arbeitet mit fünf Imkern zusammen, die rund 60 Bienenvölker in den Obstplantagen Nektar sammeln und Blüten bestäuben lassen. Bei einem Bienenvolk kann man etwa von 50 000 Tieren ausgehen, die in der Hauptblütezeit Nektar sammeln.

Nur Königin überlebt den Winter

Bei André Stallbaums Hummeln sieht das etwas anders aus. Er geht von insgesamt knapp 10 000 Tieren aus, die zu Beginn des Frühlings aus seinen fünf Hummelkästen auf Nektar- suche gehen. Eine Zahl, die sich im Laufe des Frühjahrs auf insgesamt bis zu 50 000 steigern kann, weil ja immer wieder auch junge Tiere nachkommen.

Überleben werden sie den Winter übrigens nicht. Stallbaum: „Die sterben ab. Übrig bleibt die Hummelkönigin, die unter der Erde überwintert und im nächsten Jahr beginnt, sich ein neues Volk aufzubauen.“

Kein Schaden für Insekten

Es sei also mehr als wahrscheinlich, dass sich Hummel-Königinnen aus den in den ersten Jahren von ihm angekauften Völkern inzwischen in den Obstplantagen angesiedelt haben und dort jetzt wild leben und auch für ihn „arbeiten“.

Der Erfolg? Obstbauer Stallbaum kennt Studien, die davon reden, dass in intensiv bewirtschafteten Obstanbaugebieten, wie zum Beispiel dem Alten Land bei Hamburg, durch den zusätzlichen Einsatz von Honigbienen und Hummeln bis zu 50 Prozent mehr Obst geerntet werden kann. Für seine Plantagen geht André Stallbaum davon aus, dass etwa zehn Prozent der Erträge den zusätzlichen Helfern, sprich den angekauften Hummeln und den im Frühjahr und Sommer hier „eingemieteten“ Honigbienen, zuzuschreiben ist. Dazu komme die Wildbestäubergemeinschaft, die nach Millionen zähle, schätzt er und fügt einen Halbsatz an: „Trotz der oft kritisierten Pflanzenschutzmaßnahmen.“ Die sollte man differenziert betrachten, denn: „So wie wir arbeiten, schaden wir den Insektenpopulationen nachgewiesenermaßen nicht.“ Wäre es anders, würden auch die Imker ihrem Obstblütenhonig nicht aus diesen Plantagen gewinnen.