Stendal l Verzweiflung und Wut im Haferbreiter Weg. Speziell dort, wo große Chausseebäume im Herbst ihre Blätter fallen lassen. Die Entsorgung der Laubmassen bekommen Anwohner nicht in den Griff. Die Stadt Stendal lässt sie einfach im Stich, so ihr Vorwurf.

Zum Glück ist es windstill. Christina Elsner kann rasch das zusammengefegte Laub in einen Jutesack stopfen. „So, und nun wohin damit?“ Diese Frage stelle sich die Anwohnerin zum zigsten Mal, denn an Laub mangelt es vor ihrem Grundstück im Haferbreiter Weg wahrlich nicht. Die Stendalerin zeigt auf die großen Kastanien, die in Reih und Glied entlang der Straße stehen. „Es sind nicht meine Bäume, aber meine Probleme“, sagt sie und Frust klingt in ihrer Stimme.

So wie die Elsners geht es auch den Familien Seehaus und Bergmann, die nichts gegen das sogenannte Großgrün vor ihrer Haustür haben, auch nicht, dass die Stadtbäume ihr Laub fallen lassen und sie es zusammenfegen müssen, zumal sie laut Kehrsatzung dazu verpflichtet sind. Ihr Ärger richtet sich einzig und allein gegen die Ignoranz im Rathaus, an das sie sich mehrfach hilfesuchend gewandt hatten und „abgeschmettert“ wurden. Sie fühlen sich im Stich gelassen, denn die Entsorgung der Laubmassen bekommen die Anlieger alleine nicht in den Griff.

Bilder

Unzumutbarer Zustand

Davon zeugen riesige Haufen und Berge von Laub am Straßenrand, mühevoll zusammengefegt. Die Biotonne würde nicht reichen, die Menge unterzubekommen, genügend Karten für eine Entsorgung per Hängerfuhre auf dem Recyclinghof hätten sie auch nicht. Und wer kein Fahrzeug besitzt, der sei am schlimmsten dran, wie im Vorjahr ein 82-jähriger Nachbar der Familie Seehaus. Sicher könnten die Betroffenen auf eigene Kosten durch eine Firma die Laubhaufen entsorgen lassen. „Doch beim Geld hört der Spaß auf“, so ihr Argument, denn die Leistung, die sie neben der regulären Straßenreinigung erbringen müssten, sei aus ihrer Sicht ein „unzumutbarer Zustand“.

Auf solch ein Ausnahmekriterium müsse die Stadtverwaltung reagieren und den Steuerzahler unterstützen. Als Lösung sei vorgeschlagen worden, Säcke an Bäumen zu befestigen, die von den Anliegern mit dem Laub gefüllt und von der Stadt abtransportiert werden. „Das wäre echt hilfreich“, sagt Christina Elsner und hievt den Laubsack mit den Kastanienblättern der Stadtbäume auf ihr Privatgrundstück.

Das Amt für Technische Dienste im Rathaus mit dem Wunsch der Anwohner konfrontiert, verheißt kein Entgegenkommen. Vom Amt, das für die Straßenreinigung zuständig ist, wird mitgeteilt, dass die Bereitstellung von Sammelbehältern einschließlich Entsorgung des Laubs an den Straßen, an denen die Reinigungspflicht den Anliegern obliegt, über die gesetzliche Verpflichtung der Stadt hinausgehen und somit eine zusätzliche freiwillige Aufgabe mit erheblichen Kosten darstellen würde. Ausnahmen können im Sinne der Gleichbehandlung „grundsätzlich nicht vorgenommen“ werden. Eine übermäßige Belastung der Stadtkasse und wirtschaftliche Haushaltsführung werden als weitere Gründe aufgeführt.

Das Argument „unzumutbarer Zustand“ lasse die Fachabteilung im Rathaus nicht gelten, wenn der Anlieger seiner Reinigungspflicht längere Zeit nicht nachgekommen sei und sich so größere Mengen Laub angehäuft hätten, sondern nur „nach objektiven Gesichtspunkten aufgrund der anfallenden Menge im Einzelfall“.

Keine Eiche, nur Kastanien

Als Beispiel wird ein Urteil vom Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt genannt, dass eine Unzumutbarkeit bei der Laubentsorgung von einer 500 Quadratmeter großen Grünfläche mit fünf großen Eichen erkannt habe. Weiter heißt es: „Eine objektive Unzumutbarkeit entsteht nicht aufgrund des Lebensalters oder körperlicher Gebrechen, da die Reinigungs- und Entsorgungspflichten nicht persönlich erfüllt werden müssen, sondern Dritte beauftragt werden können.“

Für Familie Seehaus decke sich die Reaktion aus dem Rathaus gegenüber der Volksstimme mit ihren persönlichen Erfahrungen. Sie finde es eine „Frechheit, wie sich die Verwaltung hinter Gesetze und Argumente versteckt“, und fügt hinzu: „Leider haben wir in unserem Grundstücksbereich nur mit Laubmassen von sechs Kastanien und keiner einzigen Eiche zu kämpfen“.