Stendal l An ihre Kindheit in der Bahnhofsvorstadt kann sich Martina Scheeres (Name geändert) noch lebhaft erinnern. Sie wuchs im Viertel zwischen Wernerplatz und Nicolaistraße auf. Mittlerweile betreibt sie einen kleinen Laden in der unmittelbaren Nähe. Die Stendalerin weiß also, wovon sie spricht, wenn sie über die Entwicklung der Gegend berichtet.

 Ihr Urteil fällt ein wenig zwiespältig aus. Gemacht habe sich die Bahnhofsvorstadt durchaus. Nicht umsonst sei sie als Wohnort sehr beliebt. In der Tat ist kaum eines der vielen hübschen Gründerzeithäuser nicht saniert. Hier wohnen Studenten Tür an Tür mit alteingesessenen Stendalern. Mit dem „Le Petit“ fand auch die gehobene Gastronomie eine Heimstatt. Trostlosigkeit spürt man hier eigentlich nicht.

Stadtverwaltung sieht keinen Handlungsbedarf

Und doch sei im Laufe der Jahre etwas abhanden gekommen, findet Martina Scheeres: „Früher gab es hier eine Eisdiele, einen Fleischer und sogar einen Drogeriemarkt. Leider ist davon nicht so viel übrig geblieben“, spricht sie einen Aspekt an, der vielen Besuchern der Bahnhofsvorstadt auffällt. An manchen Häusern und Schaufenstern erinnern noch Inschriften daran, dass hier einst Bäcker oder Lebensmittelgeschäfte zuhause waren. Mittlerweile ist die Zeit über die kleinen inhabergeführten Geschäfte hinweg gegangen. Viele Ladenlokale stehen leer. Der Handel hat sich zurückgezogen. Wenn man einmal von der Filiale einer deutschlandweit agierenden Supermarktkette absieht.

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Eine Aussicht auf Besserung besteht kaum. In der Stadtverwaltung zum Beispiel existiert kein Interesse, ein auf die Bahnhofsvorstadt zugeschnittenes Konzept für den Einzelhandel zu erstellen. „Das Hauptaugenmerk der Leerstandsbekämpfung und Wirtschaftsförderung lag und liegt im Bereich der Innenstadt“, stellt Armin Fischbach von der Pressestelle der Stadt Stendal klar. Als sogenannte „1a-Lage“ mit hoher Frequentierung würden solche Orte Priorität genießen. Um sich eingehend mit der Bahnhofsvorstadt zu beschäftigen, fehlten außerdem die personellen Ressourcen. Ein Austausch mit den Eigentümern der Häuser finde nicht konstant statt.

Überhaupt stellt sich aus Sicht der Wirtschaftsförderung die Frage, ob eine Engagement rund um den Wernerplatz überhaupt sinnvoll ist. „Eine Konzentration und eine Vielfalt von Einzelhändlern in der Bahnhofsvorstadt, vergleichbar mit der Innenstadt, scheint weder sinnvoll noch möglich“, führt Fischbach aus. Um die Erreichbarkeit sei es nämlich in dem Viertel nicht gut bestellt. Findet sich dennoch ein Händler, der sich für ein Objekt interessiert, würde die Verwaltung natürlich ihre Unterstützung anbieten.

Alternative Nutzung wäre eine Möglichkeit

Ein Patentrezept für eine Belebung der verwaisten Ladenlokale hat auch Thomas Barniske nicht. Dabei beschäftigt sich der Leiter des Innovations-und Gründerzentrums BIC intensiv mit dem Problem des Leerstandes. Für den Landkreis haben er und seine Mitarbeiter die nicht mehr genutzten Objekte im Kreis Stendal erfasst. Im altmarkweiten Vergleich stehe Stendal da sehr gut da, befindet der Experte. Deshalb ist er weit davon entfernt, die Bahnhofsvorstadt abzuschreiben.

Stattdessen verbreitet Barniske sogar leichten Optimismus: „Die Gegend hat definitiv eine Menge Potenzial. Besonders das Thema der Pendler könnte da in Zukunft eine noch viel größere Rolle spielen.“

In den Zeiten, in denen auch die Mieten in Berliner Bürogemeinschaften astronomisch wachsen, könnte Stendal als Arbeitsort vor allem für die Kreativwirtschaft interessant werden. In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass mit dem Umzug der Frauenklinik in den Krankenhausneubau in der Wendtstraße eine riesige Immobilie in Bälde frei wird. Das große Gebäude könne beispielsweise als Coworking-Space in Frage kommen. „Dafür aktiv zu werben, macht aber erst Sinn, wenn man wirklich was zu bieten hat“, warnt der Leerstandsmanager davor, die Erwartungen zu hoch zu stecken.

Bis in dieser Richtung etwas Konkretes passiert, wird also noch viel Zeit vergehen. Von daher könnten alternative Nutzungskonzepte für die Ladenlokale eher eine belebende Wirkung erzielen. Die Freiwilligenagentur macht in der Kleinen Markthalle in der Hallstraße vor, wie einer fast schon abgeschriebenen Immobilie neues Leben eingehaucht werden kann. Wo einst nichts mehr ging, hat sich ein Veranstaltungsort für viele verschiedene Vereine etabliert, der das Leben in der Stadt deutlich bereichert.