Stendal l Am liebsten würde man jetzt schon sehen wollen, wie am Ende alles leuchtet, tönt und wirkt. Doch das Warten und die Vorfreude gehören zu den Stendaler Lichttagen wie die Dunkelheit und das Staunensraunen. Also begnügen wir uns vorerst mit den verbalen Appetithäppchen, die der künstlerische Leiter Herbert Cybulska gestern anbot, als es im Pressegespräch um die 5. Stendaler Lichttage ging. Sie finden vom 17. bis 19. Oktober jeweils von 19 bis 22 Uhr statt, diesmal außerhalb der Altstadt.

Feuerwehr

Ein Teil der Fahrzeughalle drinnen und der Übungsturm draußen werden als Gesamtes betrachtet und von Lichtbildner Lutz Deppe aus Berlin in Szene gesetzt. Normalerweise arbeitet er mit Tanzcompagnien und in Opernhäusern und untgerrichtet an drei Hochschulen, doch Deppe sei von klein auf von der Arbeit der Feuerwehr fasziniert gewesen. „Der Rundgang mit dem Wehrleiter Herrn Geffers war daher sehr ausführlich“, berichtet Herbert Cybulska mit verschmitztem Lächeln. Schließlich aber wolle Deppe den Raum auch samt seiner inneren Geschichte zur Geltung bringen und versteht seine Lichtinstallation mit Tönen „als eine Hommage an Einsatzkräfte, die als Team eng zusammenarbeiten und doch alle für sich ihr persönliches Risiko tragen“. Wie sich das körperlich und seelisch anfühlen kann, werden die Besucher in dieser sehr aufregenden Inszenierung erleben. (Pro Durchlauf können max. 70 Besucher in die Halle, es gibt also kurze Wartezeiten bis zum nächsten Einlass.)

Achtung: Die Installation in der Halle ist wegen der Stroboskoplichter nicht für Kleinkinder, Epileptiker und Herzschwache geeignet!

Lichtkunst-Fotos

Das Fotokombinat Altmark in Person von Laura und Peter Kramer zeigen, wie Lichtkunst-Fotografien entstehen und laden die Besucher zum Mitmachen ein (auch zum kurzweiligen Überbrücken der Wartezeit zum Einlass in die Halle). Mit Taschenlampen und anderen Leuchtmaterialien können die Besucher ganz eigene Lichtkunst-Fotos erstellen und als Andenken mit nach Hause nehmen. „Die beiden waren der reinste Sonnenschein für Familien“, erinnert sich Herbert Cybulska selig an die vergangenen Male.

Justizzentrum

Licht, Musik und Video verschmelzen mit Malerei zu leuchtenden Fassadengemälden. Noch ist die Umsetzung nicht bis ins Kleinste ausgetüftelt, und die Ehrfurcht vor der „schieren Größe des Geländes“ bewegt Herbert Cybulska, der hier Regie führen wird, noch immer. „Wir haben gemerkt, dass sich das Gelände regelrecht wehrt gegen Beleuchtung.“ Gemeinsam mit Lichtkünstler Martin Kurz, dem Video- und Musikprojekt Xenorama (2018 haben sie das Uenglinger Tor lichtbemalt) sowie dem Dresdner Maler und Bildhauer Helge Leiberg hat er sich schließlich dazu entschlossen, sich auf eine Fassade zu fokussieren, die zur Leinwand wird.

Auch hier soll, wie im Feuerwehrgebäude, eine Geschichte erzählt werden, die mit dem Ort zu tun hat. „Unterhaltsam, aber mit Substanz“, so Cybulska, der Helge Leiberg als einen „Meister des spontanen Pinsels und des fließenden Bildes“ bezeichnet. Sein für die Projektion gemaltes Bild wird von der Gruppe Xenorama zu vier kleinen Videos mit Musik verarbeitet. Martin Kurz schafft mit den Mitteln des Lichts gleichsam einen Rahmen. Cybulska ist begeistert, denn: „Hier treffen zwei Generationen von Licht- und Medienkünstlern aufeinander und gehen miteinander neue Wege.“

Adam-Ileborgh-Straße

Eine Hörspielminiatur im Radio während einer Autofahrt habe Cybulska auf diese Idee gebracht: „Man müsste doch mal was mit guten Texten machen.“ Er fand auf Umwegen den Kontakt zur Autorin des Hörspiels, Claudia Gabler. Die wiederum hat sich mit Schauspielern vom TdA, mit Lichtkunststudentin Nice Terarat Tuntisak, dem Stendaler Licht- und Tontechniker Christian Kaiser und, nicht ganz unwesentlich in der ganzen Sache, dem Geiger Mathias Raue zusammengetan.

Sie lassen vier fiktive Bewohner des Plattenbaus erzählen, was in ihrem Alltag oder beim Aus-dem-Fenster-Gucken so vor sich geht. Die Besucher werden in diesem jeweils 20-minütigen Gesamtwerk von Eingang zu Eingang geführt, während der Geiger live dazu spielt und gleichzeitig die Lichtinstallation einsetzt. „Als wir dieses Von-Tür-zu-Tür-Gehen bei mir zu Hause geprobt haben, gab es schon den ein oder anderen belustigten Blick der Nachbarn“, gibt Cybulska einen Einblick in die zuweilen heitere, aber auch Einfallsreichtum verlangende Vorarbeit fern des eigentlichen Ortes des Geschehens.

Zukunft der Lichttage

Den ersten Visionen gemäß, wären dies die letzten Lichttage. Doch nach dem fünften Mal soll nicht Schluss sein, wie Rainer Erdmann als Beiratsvorsitzender der Kaschade-Stiftung verrät: „Wir planen jetzt erst mal bis 2022, um auf jeden Fall beim Stendaler Stadtjubiläum mit dabei zu sein.“ An der Finanzierung mit dem „recht schmalen Budget“ von 40 000 Euro ändert sich nichts, Stiftung und Sponsoren teilen sich die Summe.

Und der künstlerische Leiter Herbert Cybulska geht gern mit in die Verlängerung: „Ich bin bereit. Die Stendaler Lichttage nehmen einen nicht kleinen Teil meines Berufslebens ein, sie begleiten mich übers ganze Jahr.“ Dass er auf die organisatorische, technische und finanzielle Hilfe aller Beteiligten zählen kann, sei dabei durchaus entscheidend. „Das Faszinierende an diesem Festival hier ist, dass es so klein ist und von ganz wenigen Leuten auf die Beine gestellt wird, aber es wird von allen mit Begeisterung getragen.“

Stendaler nehmen sich Zeit

Cybulska, der seit 1982 als freiberuflicher Lichtdesigner arbeitet, ist mit eigenen Projekten weltweit unterwegs. Kontakte zu anderen Lichtkünstlern hat er dadurch reichlich. „Einige von den großen Namen hatten wir schon hier in Stendal dabei“, sagt er und nennt beispielhaft die Installationen im Dom, am Musikforum Katharinenkirche sowie bei Alstom. Genauso wichtig sei es aber auch, Künstler und Techniker von hier zu involvieren – das Fotokombinat Stendal (zum wiederholten Mal dabei) sei da genauso gemeint wie Christian Kaiser, der diesmal in der Adam-Ileborgh-Straße entscheidend mitwirkt.

Nicht zuletzt wäre alle Kunst ohne Betrachter und deren Wertschätzung nichts. Und da ist Herbert Cybulska sehr angetan: „Die Leute hier in Stendal hören und schauen sehr gut zu, bringen Zeit mit, alles zu betrachten. Das habe ich in Großstädten schon anders erlebt.“