Stendal l Im Februar 2016 schlug Hartmut Pressler eine Zeitung auf und stieß auf eine Anzeige. Die Nichtregierungsorganisation Sea Eye aus Regensburg suchte Besatzungsmitglieder für ihre erste Mission vor der libyschen Küste. Die Aufgabe war klar beschrieben. Migranten, die auf dem gefährlichen Seeweg von Afrika nach Europa in Lebensgefahr geraten, sollten gerettet werden. Ideal wäre es, so stand es in dem Inserat, würden sich Menschen mit einem medizinischen Hintergrund melden.

Ein Fischkutter wurde umfunktioniert

Der Arzt im Ruhestand musste nicht lange überlegen. Nur kurz wog er das Für und Wider ab. Als erfahrener Segler wusste er zumindest, was auf hoher See auf ihn zukommen würde. Den medizinischen Part traute er sich genauso zu. Umgehend schrieb er der Organisation, wenige Tage später stand fest, dass er Teil der Crew der ersten Sea-Eye-Mission sein würde.

Zu diesem Zeitpunkt lag ihr Schiff „Sey Eye“, ein umgerüsteter, hochseetauglicher Fischkutter aus Sassnitz (Rügen), bereits in Malta vor Anker. „26 Meter lang und sieben Meter breit. Acht Mann Besatzung, modernste Navigationstechnik. Die Medikamente lagerten unter dem Vorderschiff beim Tauwerk“, erinnert sich Hartmut Pressler noch genau an die Einzelheiten. Die Crew sei bunt gemischt und hoch motiviert gewesen, viele Dinge aber doch sehr improvisiert. Viel Erfahrungen auf dem Gebiet der Seenotrettung konnten die wenigsten vorweisen. „Zum gleichen Zeitpunkt kreuzte ein Schiff von Ärzte ohne Grenzen in der Nähe. Die hatten quasi ein Krankenhaus im Miniaturformat an Bord“, verdeutlicht der Stendaler die Unterschiede zwischen der gerade erst gegründeten und der alteingesessenen Organisation.

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Gelduld war die gefragteste Tugend

Im Alltag auf See war dann die Geduld die gefragteste Tugend. Wenige Seemeilen von den libyschen Hoheitsgewässern entfernt im Mittelmeer treibend, blieb der Besatzung nichts anderes übrig, als Ausschau zu halten nach Booten, die in eine kritische Lage geraten waren. Am Tage mit dem Fernglas, in den Nächten musste man sich aufs Gehör verlassen. Nicht einfacher machten es die äußeren Umstände, wie Hartmut Pressler berichtet. „Wir hatten enormen Seegang. Ein enormer Nordostwind hat die vier bis fünf Meter hohe Wellen aufgepeitscht.“

An den widrigen Bedingungen lag es deshalb in erster Linie, dass der Ernstfall für Hartmut Pressler nicht eintrat. Zu riskant wäre es gewesen, sich auf den Weg von Libyen nach Europa zu machen. Einen äußerst emotionalen Moment hielt der Einsatz dennoch bereit, als die Crew offenbar auf die Überreste eines Flüchtlingsbootes stieß und diese aus dem Meer holte. „Unter den Fundstücken befand sich eine Micky-Maus-Puppe. Da fragt man sich natürlich, wie die dort hingekommen ist und was vorher passiert ist“, erzählt der Stendaler. Umso wütender mache ihn, dass den Seenotrettern momentan die Arbeit in einem Ausmaß erschwert werde, das er niemals für möglich gehalten habe.