Stendal l Ein Dienstag, 9 Uhr, in der Notfallaufnahme des Johanniter-Krankenhauses in Stendal: In den Wartezimmern sind lediglich drei Stühle besetzt. Ein Beinbruch wartet auf eine Nachkontrolle und hat einen Begleiter dabei. Ein weiterer Patient ist umgeknickt, ein Arzt hat seinen Knöchel in Augenschein genommen und eine Röntgenuntersuchung veranlasst, nun wartet der Patient auf das Ergebnis und seine weitere Behandlung. Er lässt sich scheinbar ruhig an, dieser Dienstag.

Allerdings werden in Behandlungszimmern drei Senioren verarztet. Einer mit Magenproblemen, zwei werden von den Medizinern als Schwerkranke eingestuft. „Sie erfordern einen erhöhten Pflegebedarf“, erklärt die Leitende Schwester Doris Herrmann. Sie begründet: „Wir müssen die Patienten umlagern, sie mit frischem Inkontinenzmaterial versorgen, ihnen etwas zu trinken geben. Kurz: Wir müssen sie im Auge behalten.“

Das kostet natürlich Zeit und bindet Personal. Potenzielle Patienten mit leichteren Erkrankungen oder Verletzungen müssen sich da mitunter gedulden.

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50 Prozent als Bagatellfälle

„Etwa 50 Prozent der Fälle, mit denen wir hier in der Notfall­aufnahme konfrontiert werden, sind Bagatellfälle wie Schnupfen und Hautabschürfungen“, berichtet Dr. Senat Krasnici, Chefarzt für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie und damit verantwortlich für die Notfallaufnahme. Rund 21.800 Patienten wurden dort im Vorjahr behandelt.

Darunter die sogenannten Bagatellfälle, auch wenn etwa jeder zehnte davon an den Hausarzt verwiesen wird. Einen Vorwurf mache er Patienten mit leichten Erkrankungen und Verletzungen keinesfalls, versichert Krasnici, schließlich „empfinden sie einen Leidensdruck“. Für Krasnici ist es nachvollziehbar, dass sie in der Notfallaufnahme medizinische Hilfe suchen, denn „wir erbringen eine super Serviceleistung“. Fachärzte seien zwar nicht zu jedem Zeitpunkt in vorderster Front in der Notaufnahme, weil sie im Operationssaal stehen oder Sprechstunden abhalten, aber die Patienten werden dennoch fachspezifisch versorgt und die Spezialisten bei Bedarf hinzugezogen.

Es seien vor allem junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die mit kleineren Gesundheitsproblemen in die Notfall-aufnahme kommen, schätzt Dr. Khaled Youssef, Leitender Oberarzt der Notfallaufnahme, ein. „Sie wollen sich beim Hausarzt nicht in die Praxis setzen. Das sagen sie auch frei heraus“, erzählt er. Und er kennt Gründe dafür. Einer davon: Hier finden Untersuchungen wie CT, Röntgen, Blutentnahme konzentriert statt. „Das ist auch so“, sagt Krasnici und fügt an: „Leidtragende sind die wirklich Kranken, wenn die anderen Kompetenzen binden.“

In der Notfallaufnahme erfolgt die Behandlung nach Dringlichkeit. Stendal arbeitet nach einem sogenannten Triage-System. Dabei handelt es sich um ein standardisiertes Verfahren zur Ersteinschätzung in der Notaufnahme, die Patienten werden so nach Behandlungsprioritäten eingruppiert.

Fünf Stufen

In großen Kliniken wie dem Unfall-Krankenhaus Berlin-Marzahn zeigt eine Art Ampelsystem, welche Patienten welche Art von Behandlung brauchen. Es umfasst fünf Stufen, die von der Einschätzung Lebensgefahr über aufgeschobene Dringlichkeit bis nicht dringend reichen. Daraus ergibt sich die Reihenfolge der Patienten. Und die Ampel ist auch Information für die Patienten, auf welche Warte- zeiten sie sich einrichten müssen.

Voraussichtlich im kommenden Jahr soll das Ampelsystem am Stendaler Johanniter-Krankenhaus Einzug halten. „Bis dahin teilen wir den Besuchern weiterhin mündlich mit, wann sie an der Reihe sind“, sagt Youssef. Und Herrmann ergänzt: „Wenn wir beispielsweise einen Herzinfarkt oder einen schweren Unfall rein bekommen, dann sagen wir den Wartenden, dass wir Leben retten müssen, und bitten um Verständnis. Das gibt es dann zumeist auch.“

Einweisung

An diesem Dienstag, kurz nach 9 Uhr, besteht keine akute Lebensgefahr. Der Beinbruch wird vom Arzt kontrolliert. Der Senior mit Magenproblemen hat unter anderem einen Tropf erhalten, wartet nun auf seine stationäre Aufnahme. „Ich hatte starke Bauchschmerzen und wurde mit dem Krankenwagen nach Stendal gebracht“, erzählt Adolf Steffens aus Schönhausen. Es sei schnell untersucht worden, dann sei die Einweisung auf Station erfolgt. „Das ist richtig so. Ich fühle mich nämlich bescheiden und will das auskurieren“, so der 83-Jährige.

Am Ende des Tages wurden 81 Besucher in der Notfallaufnahme registriert. Am Tag zuvor, also einem Montag, waren es 116. „Montags, mittwochs, freitags sowie am Wochenende ist hier bei uns am meisten los. Da haben viele Hausärzte keine Sprechstunde oder nur bis Mittag. Das spüren wir“, so Senat Krasnici.