Stendal l Es ist 7 Uhr, und an diesem Morgen eiskalt. Paul Schröter reibt sich die Hände, bevor er mit Susan Taeger den Inhalt des Kofferraums überprüft. „Wir haben alles“, sagt die 30-jährige angehende Verwaltungsfachangestellte imKreis-Gesundheitsamt. Dann steigen sie und der 21-jährige Medizinstudent in ein Dienstauto der Kreisverwaltung. Ihr erstes Ziel ist Havelberg, dort wartet bereits eine Familie auf das mobile Corona-Testteam.

Die Familie steht unter Quarantäne, ein Mitglied ist bereits getestet worden. „Nun hat sich der Gesundheitszustand der anderen verschlechtert. „In diesem Fall greifen wir ein, entlasten damit das Fieberzentrum wie auch den Hausarzt“, sagt Paul Schröter. Bevor er die Wohnung betritt und vom Patienten im hinteren Rachenraum am Gaumenbogen einen Abstrich nimmt, legt er die Schutzkleidung an. Ebenso seine Assistentin, die alles dokumentiert und das Probenröhrchen beschriftet.

Furcht vor Repressalien

Der Testeinsatz dauert nur wenige Minuten. „Manchmal wartet der Patient schon an der Tür, um den Abstrich gleich dort zu erledigen“, sagt der junge Mann, der von einem Arzt im Fieberzentrum in die Tätigkeit eingewiesen wurde. „Nein, schwer ist es nicht“, sagt Paul Schröter. Was ihn und seine Mitarbeiterin vielmehr beschäftigt, ist der Schutz der Testpersonen. „Viele möchten nicht, dass es im Ort bekannt wird. Sie befürchten Repressalien“, sagt der Osterburger und fügt hinzu: „Dabei machen sie doch alles richtig.“ Wohl keiner lasse sich mit Absicht von dem Virus anstecken.

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Nach Havelberg geht es weiter in Richtung Tangermünde und zuletzt nach Schönhausen. Gegen 11 Uhr muss das Duo zurück in Stendal sein, um die Probenabstriche per Kurier in ein Labor nach Magdeburg zu schicken. Bis zu 24 Stunden später wissen die Getesteten, ob sie mit Covid-19 infiziert sind oder nicht.

Mehrere 100 Kilometer am Tag

Das Duo selbst erfährt es nicht. „Wir sind ausschließlich zum Testen unterwegs“, sagt Susan Taeger. An diesem Montag auch am Nachmittag. Auf ihrem Tourenplan stehen nun Goldbeck, Seehausen, erneut Havelberg und Sandau. Am Ende des Tages sind es 23 Tests und mehrere 100 gefahrene Kilometer. „Da merkt man, wie groß der Landkreis ist“, sagt Schröter.

Seit Donnerstag vergangener Woche ist er mit Susan Taeger im Auftrag des Gesundheitsamtes zur Unterstützung der Stendaler Fieberambulanz unterwegs. Sie testen Personen, die in Quarantäne sind und das Haus nicht verlassen dürfen. Zudem erfolgen Hausbesuche für Abstriche bei älteren Bürgern, die bettlägerig oder nicht mobil sind, um die Fieberambulanz in Stendal aufzusuchen. Ebenso können Einsätze in Seniorenzentren und -heimen erfolgen wie in der Vorwoche in Tangermünde.

Testauftrag erteilt Gesundheitsamt

Den Auftrag für jeden Einsatz bekommt das Team vom Amt, „denn es muss ein medizinischer Grund vorliegen“, sagt Amtsärztin Dr. Iris Schubert. In der Regel sind es die bekannten Symptome wie Husten, Fieber, Atemwegsbeschwerden. „Es gab den Fall, dass jemand über plötzlichen Geruchs- und Geschmacksverlust klagte und sich beim Test herausstellte, dass er sich mit dem Virus angesteckt hat.“

Für Iris Schubert ist das mobile Testteam eine große Hilfe im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. „Wir sind bei der sogenannten Durchseuchung angelangt“, sagt sie. Das bedeutet, dass es nicht mehr darauf ankommt, ob man in einem Risikogebiet war oder Kontakt mit einem Rückkehrer aus einem solchen Gebiet hatte. Die Gefahr, sich anzustecken, sei allgegenwärtig. „Deshalb kann man nicht oft genug mahnen, Leute, haltet Abstand, bleibt zu Hause, haltet die Hygiene ein und wascht regelmäßig die Hände.“ Das Virus sei sehr empfindlich, „die Berührung mit Seifenlauge genügt, um es zu killen“.

Fast 400 Quarantäne-Fälle

Hauptaufgabe des Gesundheitsamtes ist es, die Quarantänefälle zu kontrollieren und zu betreuen. Mit Stand gestern sind es 370 Personen, Tendenz ist steigend. Deshalb hatte die Amtsärztin von Beginn der Corona-Krise an für den ländlichen Raum ein mobiles Testteam gewollt. Als vom Land keine Unterstützung kam, half ein glücklicher Zufall den Stendalern. „Ein Hausarzt in Osterburg schickte uns seinen Sohn zur Unterstützung“, erinnert sich Iris Schubert.

Dann ging alles sehr schnell. Paul Schröter, der normal im polnischen Stettin Medizin studiert, aber zur Heimarbeit verpflichtet ist, unterschrieb sofort einen Praktikumsvertrag für die Testeinsätze. „Sie sind spannend, lehrreich und zugleich eine gute Gelegenheit, um im Rhythmus zu bleiben“, sagt der 21-Jährige.