Stendal l Sein Name ist zum Synonym für Verrat geworden. In vielen Ländern ist es verboten, ein Kind so zu nennen. Und auch ihm selbst kommt sein Name, auf den er einst so stolz war, zunächst nicht über die Lippen.

Trotzdem steht er hier vor Publikum und versucht die Lücken in der Geschichte zu schließen. Denn viel wird im Neuen Testament wahrlich nicht erzählt über Judas Ischariot.

Judas will nicht verstanden werden

„Versuchen Sie nicht, mich zu verstehen“, lautet die Warnung des wieder Mensch gewordenen. Das sei in 2000 Jahren keinem gelungen.

Aber was will er dann? Auf jeden Fall nicht seine Schuld leugnen oder auf andere abwälzen. Er will sich noch nicht einmal entschuldigen. Stattdessen erzählt er von seiner Freundschaft zu Jesus, er philosophiert über Klischees, die trotz allem Wahrheit beinhalten können, er redet über Zweifel und Glaube. „Glaube braucht keine Aktion. Zweifel schon.” Denn Zweifel will man loswerden. Und dafür muss man etwas tun.

Judas als Geschichtenerzähler

Dieser Judas, der sich zu Anfang damit rühmt, dass er die Kunst des Geschichtenerzählens beherrsche, weil er sie von einem besonderen Meister gelernt habe, verläuft sich immer wieder in kleinen Geschichtchen, hält inne, sortiert sich, verfällt in wilden Aktionismus. Judas scheint mehrmals den roten Faden zu verlieren.

Wirklich? Wie kommt es dann, dass das Publikum sich plötzlich mit einer erschreckenden Frage konfrontiert sieht: „Glauben Sie tatsächlich, dass Jesus gestorben ist, um Ihre Schuld auf sich zu nehmen?”

Judas bringt die Zuschauer zum Nachdenken

Am Ende hat dieser ehemalige Jünger Jesu die Zuhörer genau dort, wo er sie haben möchte. Er bringt sie dazu, in sich hineinzuhören. Was hätte ich damals in Jerusalem getan? Hätte ich Jesus zugejubelt oder hätte ich mich abgewendet? Welche Schuld hätte ich auf mich geladen? Welche Schuld laden wir in der heutigen Zeit auf uns?

Entscheidungen müssen manchmal schnell gefällt werden, der Ausgang einer Aktion ist nicht immer das, was man eigentlich beabsichtigt hat. Am Ende führt uns Judas zu dem Verräter in uns allen.

Judas wirkt sehr menschlich

Regisseur Wolf E. Rahlfs lässt seinen Judas sehr menschlich sein, ganz im Sinne von Lot Vekemans, die diesen Monolog geschrieben hat. Und dass Rahlfs eine Schauspielerin als Judas einsetzt, ist ein gelungener Schachzug. Bei diesem Thema spielt das Geschlecht keine Rolle. Zusätzlich startet die Figur mit einer gewissen Neutralität, die die Aussage umso stärker hervortreten lässt.

Und Alice Katharina Schmidt ist ein unglaublich starker Judas. Sie ist facettenreich, beherrscht die leisen wie die lauten Töne. Wirkt verletzlich, abgebrüht und aufgewühlt. Das Publikum hängt an ihren Lippen.

Judas in der Marienkirche Stendal

Die Marienkirche in Stendal als Spielstätte ist natürlich ein weiterer Pluspunkt dieser Inszenierung. Ausstatterin Sofia Mazzoni brauchte nur einen Tisch, zwei Stühle und das richtige Licht. Der Effekt ist umwerfend.

Wegen der klimatischen Bedingungen im schönen Kirchenraum gibt es für „Judas” nur noch bis Mitte Oktober Aufführungen. Die nächsten Vorstellungen finden statt: am 18., 19. und 20. September sowie am 2. und 4. Oktober.

Theaterkarten und weitere Informationen unter Telefon 03931/63 57 77