Stendal l „Minus 30 Prozent“. „50 Prozent Rabatt“. „Alles muss raus“. Die an der Stendaler Einkaufsmeile gelegenen Ketten überbieten sich momentan mit Rekordrabatten. Der Grund dafür? Wie fast immer dieser Tage: Corona. Überquellende Lager müssen geleert werden, bevor die neuen Kollektionen Einzug halten können. Für kleinere Läden ist diese Preisschlacht nicht zu gewinnen, sie müssen auch jetzt sehr knapp kalkulieren. Doch anstatt darüber in Frust zu geraten, setzen viele Stendaler Einzelhändler noch mehr auf die bewusste Wahl des Kunden. Eine Wahl zu Gunsten von „Qualität, Service und Wohlfühlcharakter“.

Bewusste Entscheidung statt Rabattjagd

Silke Kampe leitet den Laden Schuh-Kampe in der Breiten Straße. Seit knapp vier Wochen hat Kampe ihren Laden wieder geöffnet, die Rabattschlacht hält sie „für ein falsches Signal“. Die Kunden „wünschen sich Qualität, nicht Rabatte“, bemerkt Kampe. Lediglich die üblichen Schlussverkäufe werde es weiterhin geben.

Die Schuhverkäuferin hat kaum zu Ende gesprochen, da tritt eine Kundin in den Laden. Prompt widmet Kampe ihre volle Aufmerksamkeit der Kundschaft. Da werden Schuhe ausprobiert, sogar in zwei verschiedenen Größen für den linken und den rechten Fuß, bis alles richtig sitzt und passt. „Vorne muss Platz zum Abrollen sein“, rät Kampe bei der Anprobe. Auch zur Schuhpflege gibt sie praktische Tipps. All dies ist ein selbstverständlicher Bestandteil des Kundenservices bei Schuh-Kampe. Und es funktioniert: Die Beratung der Verkäuferin trägt Früchte, das passende Paar ist gefunden, und der Kauf ist perfekt. Auf die Frage, ob Rabatte eine Rolle bei der Kaufentscheidung spielten, erwidert die Kundin: „Nein, es war eine bewusste Entscheidung. Ich sah die Schuhe in der Auslage und wollte sie.“

Diese Erfahrung deckt sich auch mit der Beobachtung von Silke Kampe. Sie wünscht sich auch, dass man „den Wert der Ware wieder zu schätzen lernt“. Der Preiskampf mache in dieser Hinsicht „vieles kaputt“. Doch Kampe ist guter Dinge, denn viele Stammkunden „haben gewartet, bis wir wieder geöffnet haben“, was sie natürlich sehr gefreut habe.

Service und Wohlfühlcharakter

im Modegeschäft Rebella am Kornmarkt hat man ganz ähnliche Erfahrungen. „Wir wollen etwas von lokalem Interesse für unsere Kunden bieten“, sagt Chef Norman Görz, der laut eigener Aussage nur „Angestellter“ im Laden ist. „Der Inhaber ist mein Hund“, erklärt er lachend. Im Geschäft herrscht eine lockere, ja familiäre Atmosphäre. Eine bewusste Entscheidung: „Es geht um Service, um Wohlfühlcharakter. Wir bieten eine Dienstleistung“. In seinem Sortiment finden sich nicht Modelle von der Stange, sondern fast nur Einzelstücke.

Auch Rebella setzt nach der Corona-Pause auf die Treue und Verbundenheit der Stammkunden – so wie zum Beispiel von Augenoptikerin Carolin Riemann. „Ich suche, was mir gefällt, schaue, ob es passt. Der Rabatt ist für mich nicht entscheidend“, so die Osterburgerin. Sie befindet sich zwar momentan in Kurzarbeit, aber noch sind die finanziellen Konsequenzen kein Grund, um die eigenen Ansprüche an Qualität über Bord zu werfen. Nach Stendal kam die 28-jährige bewusst „zum Bummeln, wegen des schönen Wetters“.

Damit stellt sie eine Ausnahme dar, denn viele Kunden kommen nun „zielgerichteter als früher“, erzählt Görz. Das liegt auch an den Sicherheitsmaßnahmen, die der ungezwungenen Atmosphäre beim Einkaufsbummel nicht gerade zuträglich sind. So betreten nun viele Kunden Geschäfte erst mit einer bewussten Kaufabsicht.

Teilweise Probleme bei Lieferketten

Rabatte gibt es bei Rebella auch, jedoch nicht im selben Umfang wie bei den großen Ketten – eine davon wirbt in der Breiten Straße sogar mit 70 Prozent. „Der Lagerbestand muss weg“, gibt Norman Görz zu bedenken, „und die Rabatte helfen, um Platz zu kriegen.“ Der Inhaber freut sich jedenfalls darüber, dass die „Kunden das Bemühen wahrnehmen“, – was dazu führe, dass wieder „fast so viele Kunden wie früher“ kommen. Nur die Lieferketten aus Italien waren zwischenzeitlich unterbrochen. Doch dieses Problem sei mittlerweile behoben. Auch für Shopleiter Peter-Paul Koch vom Modehaus Wendt an der Breiten Straße stand zwischenzeitlich ein Fragezeichen hinter den Lieferketten. „Große Unternehmen haben da größere Probleme“, gibt der gebürtige Berliner zu bedenken. Doch im Modehaus Wendt arbeitet man auch viel mit kleineren, familiengeführten Unternehmen, mit „gesünderen Strukturen“.

Mit großen Rabatten kann Koch zwar nicht konkurrieren, doch biete er schon mal einen „Outfitpreis“ – einen Rabatt, wenn Kunden sich ein Ensemble aus mehreren Kleidungsstücken zusammenstellen.

„Das erfolgt ganz individuell“, so Koch. Allerdings verspürt der Shopleiter auch eine Unsicherheit bei der Kundschaft über die Verhaltensregeln. Doch auch hier sind viele Stammkunden mittlerweile zurückgekehrt, was Peter-Paul Koch „fröhlich in die Zukunft schauen“ lässt.