Stendal l Schon beruflich ist Heiko Sturm viel mit dem Fahrrad unterwegs, muss dabei mehrmals am Tag auch die Straßen am Kreisverkehr am Uenglinger Tor passieren. Dabei sei es ihm schon oft passiert, dass er fast von einem Auto erfasst worden wäre. "Die fahren dir den Hacken ab, so schnell kann man gar nicht gucken", sagt der Stendaler. Mittlerweile steigt er lieber ab und wartet. "Das ist es nicht wert", sagt Heiko Sturm und meint damit Verletzungen oder sogar, sein Leben zu riskieren.Was er kritisiert: Die Verkehrssituation ist für Radfahrer recht verwirrend. Denn an den Bereichen, an denen sie die Straßen überqueren können, sind die Schilder "Vorfahrt gewähren" aufgestellt. Aber: Autofahrer müssen beim Herausfahren aus dem Kreisel Fußgängern und Radfahrern den Vortritt lassen - und so kommt es auch schon mal dazu, dass beide Beteiligte warten.

Eine "Patt-Situation" nennt das Fahrlehrer Jörg Freytag, dessen Fahrschule sich in direkter Nachbarschaft zum Kreisel befindet und der darum Tag für Tag Zeuge des Verkehrsalltags wird. "Die Tücke liegt oft im Detail", kommentiert der Fahrlehrer die baulichen Gegebenheiten am Kreisel, die die Verwirrung noch verstärken. Zum Beispiel mit Blick auf den Paragrafen 10 der Straßenverkehrsordnung. Darin geht es unter anderem um das Einfahren auf eine Straße über einen abgesenkten Bordstein. Abgesenkt sind die Bordsteine auch an den besagten Verkehrsinseln, der Radfahrer müsste demnach (auch ohne das Schild) warten, bis er ohne Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer auf die Straße auffahren kann. Andererseits, wie schon gesagt, muss der Autofahrer beim Herausfahren aus dem Kreisel den Radler zuerst passieren lassen. "Die Faustregel sagt: Wer abbiegt, muss auf Radfahrer und Fußgänger achten", erklärt Jörg Freytag.

Daran halten sich auch die meisten Autofahrer. Weil das aber nicht jeder nachfolgende Fahrer auf dem Schirm hat, kommt es regelmäßig im Kreisel zu Auffahrunfällen. Und weil die in der Summe gehäuft auftreten, steht der Kreisel am Uenglinger Tor seit Jahren als sogenannte Unfallhäufungsstelle in der Unfallstatistik des Stendaler Polizeirevieres. Wer als Radfahrer gleich und ungebremst auf die Straße auffährt und die Verkehrsinsel überquert, verhalte sich falsch, erklärt Fahrlehrer Freytag und korrigiert damit eine Ansicht, die auch Heiko Sturm bisher immer hatte. Denn nach dessen Meinung gibt es ja den durchgängigen, mit roten Pflastersteinen kenntlich gemachten Radweg rund um den Kreisel - und damit habe er als Radfahrer in gleicher Fahrtrichtung den Vorrang. Aber ist dieser Radweg wirklich einer? Daran zweifeln einige. Die Färbung im Pflaster allein mache noch keinen Radweg aus, sagt Jörg Freytag. Wichtiger als die Farbe sei zum Beispiel die vorgeschriebene Mindestbreite. Darum sein Ratschlag an die Radfahrer: Absteigen, schauen und gegebenenfalls warten. Leider, so Fahrlehrer Freytag, gebe es an dieser Stelle keine klare Regelung wie zum Beispiel beim Kreisel am Finanzamt: Dort gibt es auf allen vier Seiten ausgewiesene Fußgängerüberwege. Weil dies am Kreisel Uenglinger Tor nicht der Fall ist, rät er allen, den Paragrafen 1 der StVO zu beherzigen: ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Diese Vorsicht hauptsächlich der Fußgänger ("sie wollen eben noch länger leben") und vieler Radfahrer sei seiner Ansicht nach der Grund, warum mit Blick auf Verletzte bisher zum Glück so wenig passiert ist. 

Neu ist die Situation am Kreisel Uenglinger Tor nicht. Schon vor vier Jahren, bei einer Tour durch Stendal, hatte Mario Peine, stellvertretender Landesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclub, kritisiert: "Hier ist baulich einiges in den Sand gesetzt worden." Auch er monierte schon damals, dass die Radfahrer den aus dem Kreisel fahrenden Autos die Vorfahrt gewähren müssen, obwohl laut StVO die Radler Vorfahrt hätten.