Stendal l So kann man sich täuschen: Der Segelflieger mit der Kennung OK-WKO 26 und dem Schriftzug Raná an der Flugzeugnase sieht aus wie eines der ältesten Segelflugzeuge auf dem Borsteler Platz. Ist es auch, wenn man den historischen Ursprung dieses Typs EL-2-M, eine Šedý Vlk (im Deutschen „Grauer Wolf“), in den 1930er Jahren zur Einordnung nimmt. Ist es aber nicht, wenn man auf das Baujahr schaut: Denn nach elf Jahren Bauzeit und knapp 4500 Arbeitsstunden hatte dieser historische Nachbau seinen Jungfernflug erst im vergangenen Jahr.

Gebaut hat ihn der pensionierte Maschinenbau-Ingenieur Jiří Lenik, dessen Heimatflugplatz im tschechischen Raná liegt. Beim dortigen Verein fliegt auch Ulf Kern, der in der Nähe von Dresden lebt und seinem tschechischen Fliegerfreund beim Nachbau geholfen hat. Beide Herren gehen gerade bei der internationalen Rallye der Segelflug-Oldtimer in Stendal an den Start. „Der Platz ist gut, auch das Wetter ist zum Fliegen gut“, schwärmt Jiří Lenik, seit 49 Jahren aktiver Flieger, über seinen ersten Besuch in der Altmark. Und Ulf Kern fügt noch ein dickes Lob an die Organisatoren für den sogenannten nationalen Abend hinzu. Der fand am Montag statt, die Gastgeber vom Aero-Club Stendal und von der Flugplatzgesellschaft Stendal-Borstel verwöhnten die internationalen Teilnehmer mit regionalen Spezialitäten wie der Altmärkischen Hochzeitssuppe. Für Unterhaltung sorgte die Big Band der Stendaler Musik- und Kunstschule.

Spaß am Fliegen erleben

Jiří Lenik war am Mittag, als die Thermik dafür ausreichend war, der erste Starter des Tages. An Bord im Zweisitzer hatte er die Dänin Birthe Lyng. Auch an den Tagen zuvor nutzten die Teilnehmer, Gäste und Helfer immer wieder die Gelegenheit, einmal in anderen Maschinen und vor allem den Oldtimer-Cabrios mitzufliegen. Das ist es auch, was für viele der Flugenthusiasten den Reiz solcher Treffen ausmacht: gemeinsam den Spaß am Fliegen zu erleben. Und das in Segelflugzeugen, von denen es heute nur noch wenige Modelle auf der Welt gibt. So wie die Šedý Vlk in der Version EL-2M-LS von Jiří Lenik. In der Tschechoslowakei war sie in den 1930er Jahren so bekannt und verbreitet wie in Deutschland der Kranich-Doppelsitzer von Hans Jacobs.

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Der Maschinenbauingenieur Lenik hat aber nicht nur das mehr als 80 Jahre alte Original nachgebaut, sondern auch an einigen Stellen den „Grauen Wolf“ verbessert – unter dem Strich wurde dadurch eine höhere Geschwindigkeit möglich und die mögliche Zuladung erhöht. Sein Modell hat zudem eine vergrößerte Spannweite, eine Höhenrudertrimmung und ein komplett neues Steuerungssystem.

Während Jiří Lenik und Ulf Kern in der ersten Reihe alles für den Start des modernisierten historischen Nachbaus vorbereiten, sind drei Herren aus Aschaffenburg gut hundert Meter entfernt noch mit dem Zusammenbau ihres Segelflieger-Oldtimers beschäftigt. Sie sind mit einer Slingsby T.21 angereist, ein aus Holz gebautes Übungssegelflugzeug des britischen Herstellers Slingsby Sailplanes Ltd., das Ende der 1940er Jahre entwickelt und unter anderem in der Royal Air Force eingesetzt worden ist. Wann genau dieses Flugzeug gebaut wurde, wissen die heutigen Besitzer nicht. „Wahrscheinlich um 1950, in den britischen Papieren steht beim Baujahr ‚unbekannt‘“, sagt Klaus Schickling, der Mitglied im Vorstand des Vintage Glider Clubs ist und von deutscher Seite mit zu den Organisatoren der Club-Rallye in Stendal gehört hat.

Die findet nach zehn Jahren wieder einmal in Deutschland statt. Voriges Jahr waren die Oldtimer-Piloten in Ungarn, im kommenden Jahr geht es nach England. Klaus Schickling, der seit Jahren dabei ist, hat mittlerweile in diesen und anderen Ländern Freunde gefunden. Gut für den europäischen Gedanken, aber auch aus ganz praktischen Gründen. Dann zum Beispiel, wenn für eine Reparatur Schrauben für die englische Slingsby benötigt werden – die es meist nur in England gibt.

Interessiert an der Region

In Vorbereitung der Rallye, die am 30. Juli 2018 eröffnet worden war und die am 9. August offiziell beendet wird, war Klaus Schickling schon zweimal in Stendal, er hat den Platz also vorher kennengelernt. Für seine beiden Begleiter, Olaf Meindl und Frido Sturm, ist der Stendal-Besuch eine Premiere. „Die Thermik hier ist einfach super“, sagt Olaf Meindl. Er hat die Zeit aber auch genutzt, um sich die Gegend etwas anzuschauen. Tangermünde war eines seiner Ziele, mit einer organisierten Tour ging zum Lilienthal-Museum in Stölln, die Nordwall-Classic-Garage hatte die Liebhaber fliegender Oldtimer in ihre Ausstellung fahrender Oldtimer eingeladen.

Doch vorher wurde noch geflogen. Das Wetter dafür war recht gut. Natürlich war es auch den Piloten mit mehr als 30 Grad Celsius deutlich zu warm am Boden. Aber in der Lust ist es dann ja wesentlich erfrischender – manchmal aber auch richtig frisch. Eine Jacke sollte man dann lieber anziehen. Denn es wird als Faustregel so gerechnet: Pro 100 Meter Höhe nimmt die Temperatur im Schnitt um ein Grad Celsius ab. Wenn also die Slingsby auf 1400 Meter steigt, zieht man 14 Grad Celsius von den 30 Grad Celsius am Boden ab – und hat oben im Flieger dann 16 Grad Celsius. Da freut man sich doch schon über eine Jacke.