Stendal l In den Zelten und Wohnwagen herrscht noch frühmorgendliche Schlafruhe, der Bäckerwagen kommt auch erst in einer Stunde mit frischen Brötchen hinaus zum Flugplatz. Doch für Walter Hermann ist die Nacht bereits vorbei. Gegen 6 Uhr schließt er die Tür zum Büro der Wettkampfleitung auf, fährt den Computer hoch.

Walter Hermann ist Meteorologe. Er war dies beruflich bei der Bundeswehr und ist es seit Jahren ehrenamtlich für Segelflug-Meisterschaften. Die dritte Deutsche Meisterschaft in Stendal ist auch seine dritte DM in der Altmark. „Der Boden hier um Stendal ist gut für die Thermik“, sagt der Fachmann, der selbst beim Luftsportverein Homberg/Efze Segelflieger ist.

Gut eine Stunde später hat Walter Hermann Satelliten- und Radarbilder gesichtet und Wetterkarten angeschaut, hat eine Prognose für das Wetter über dem Stendaler Platz erstellt. Nun gesellt sich Christoph Barniske dazu. Der gebürtige Stendaler, der als Jugendlicher beim Aero-Club Stendal das Segelfliegen erlernt und vor einigen Wochen bei der Segelflug-DM in Zwickau in der Standardklasse den achten Platz belegt hat, ist bei dieser Meisterschaft in Stendal sportlicher Leiter.

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Gemeinsam besprechen Meteorologe und Sportleiter, welche Strecken und Startrichtungen die Luftströme zulassen. „Die Chance, dass wir heute starten können, steht 50:50“, sagt der Meteorologe. In östlicher Richtung sind schöne Kumuluswolken am blauen Himmel zu sehen, in westlicher baut sich dagegen eine Wolkenfront auf.

Der Flugplatz füllt sich

9 Uhr. Nun kommen auch die Pilotensprecher, einer pro Klasse: Offene Klasse, Doppelsitzer und außerhalb der Wertung die 18-Meter-Klasse. Deren Starter nehmen an der International Stendal Glide teil als Vorbereitung auf die Segelflug-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Stendal. Darum sind neben den deutschen Startern auch Segelflieger aus elf anderen Nationen dabei.

10 Uhr. Im großen Hangar treffen sich alle Starter und Helfer zum sogenannten Briefing. Christoph Barniske spricht ausschließlich Englisch – auch das schon in Vorbereitung der WM, für die er ebenfalls die sportliche Leitung übernehmen soll.

Wettbewerbsleiter ist Henning Schulte, Präsident des Landesluftsportverbandes. Der Verband richtet gemeinsam mit dem Aero-Club Stendal und der Flugplatzgesellschaft Stendal-Borstel mbH die Meisterschaften aus, Veranstalter ist die Bundeskommission Segelflug im Deutschen Aero-Club.

Beim Briefing gibt es Informationen zum Wetter, wird der Tag davor ausgewertet, gibt es je eine Flasche Sekt für die Tagesbesten. Viele Flaschen gingen in dieser Woche noch nicht raus, denn nicht an jedem Tag waren Wertungsflüge möglich. Die Doppelsitzer hatten erst einen Wertungstag, die Offene Klasse zwei.

Für die Meisterschaft sind mindestens vier Wertungstage notwendig. Gewertet wird nur, wenn mindestens 25 Prozent der Starter eine Distanz von mindestens 140 Kilometern schaffen. Entscheidend ist immer, ob die Thermik einen Start zulässt.

Darauf setzt die Wettbewerbsleitung an diesem Donnerstagvormittag, schickt die Doppelsitzer und die Offene Klasse zur Vorbereitung auf die Startbahn. Auf dem Weg dorthin wird jedes Segelflugzeug gewogen.

Weil das Zeitfenster mit erhoffter günstiger Thermik zu klein ist, wird die Offene Klasse für diesen Tag gleich abgesagt – die Deutsche Meisterschaft geht vor. Denn hier geht es bis zum 19. Juli nicht nur um den Titel, sondern auch um einen Platz in der Nationalmannschaft.

11.30 Uhr, sogenanntes Feldbriefing. Christoph Barniske ruft alle Piloten zusammen, verteilt die Tagesaufgaben: für die Doppelsitzer 193 Kilometer, über Tangermünde, Wittstock, Rheinsberg, Wassersuppe und zurück nach Stendal. Die Offene Klasse hat 245 Kilometer vor sich, über Neustrelitz, Fürstenberg und Rathenow zurück nach Stendal.

Die ersten gehen in die Luft

Kurz vor 12 Uhr gibt es das Okay für den Start. In nur neun Minuten sind alle 30 Starter der Offenen Klasse in der Luft, viele als Selbststarter mit eigenem Motor an Bord, einige wenige von Motorflugzeugen angeschleppt. 36 Minuten später ist der komplette Startvorgang abgeschlossen, sind auch die 30 Doppelsitzer in der Luft.

Am Nachmittag aufatmen bei Wettbewerbsleitung und Startern: Ein weiterer Wertungstag für die Meisterschaft ist unter Dach und Fach.