Stendal l Doppelt gesichert mit Fallschirm und Gurten, das Glasdach schließt sich, die Schnur ist gespannt, innerhalb einer Sekunde hebt die D – 3760 vom Boden ab, die Fliehkraft drückt mich in den Sitz – dann sind wir oben. Langsam gewöhnt sich der Körper an das seichte Gleiten durch die Luft, Stendals Häuser werden immer kleiner, auf 500 Meter Höhe hat auch mein Magen verstanden, dass Fliegen gar nicht so schlimm ist. Bei der Aussicht, die sich mir über die vielen kleinen Gebäude bietet, ganz entfernt erkenne ich sogar die Marienkirche, vergesse ich schnell die Hitze, die sich im Flugzeugraum staut.

Über die Aufregung, die mich vor meinem allerersten Segelflug überkam, mussten Christoph Barniske von den Segelfliegern im Aero-Club Stendal und seine Flugschüler nur schmunzeln. Sie steigen mehrmals täglich in eines der Segelflugzeuge am Flugplatz Stendal-Borstel.

Mitgliederzahlen im Sturzflug

Seit nunmehr 28 Jahren ist der Aero-Club fester Bestandteil des Flugplatzes Stendal-Borstel. Die 120 Mitglieder besitzen entweder eigene Flugzeuge oder haben die Auswahl aus drei vereinsinternen Segelflugzeugen, einem Ultraleicht-Flugzeug und einer Cessna. 25 aktive Segelflieger starten regelmäßig vom Flugplatz in Stendal. Noch vor dreißig Jahren waren es fast doppelt so viele. Wie zahlreichen anderen Vereinen, fehlt auch dem Flugclub der Nachwuchs.

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Dabei sei ein Flugschein nur unwesentlich teurer als ein Autoführerschein, wie Christoph Barniske erklärt. „Der Flugsport ist sehr zeitaufwendig, das kann man nicht mal eben nebenbei machen“, begründet Barniske (39 Jahre), der schon seit 23 Jahren im Segelflieger seine Runden dreht, die rückläufigen Mitgliederzahlen. Er selbst reist regelmäßig aus Berlin zum Borsteler Flugplatz, um dort zu fliegen und zu unterrichten.

Bis zu fünf Jahren Flugausbildung

Einer seiner Flugschüler ist Yannic Cabac, ebenfalls wohnhaft in Berlin. Der Student kommt jedes zweite Wochenende zum Flugplatz, um weitere Praxisstunden zu sammeln. Von April bis Oktober ist das möglich, in den Wintermonaten ist dann Theorie angesagt. Der 26-Jährige erzählt, warum er ausgerechnet dem Aero-Club Stendal beigetreten ist: „Ein Kumpel aus dem Studium hat mich mal zum Segelfliegen hier mitgenommen. Da habe ich mich in den Segelflugsport verliebt. Und dann hat man schnell den Mitgliedsantrag vor der Nase und ist drin.“

Die Flugausbildung kann theoretisch innerhalb einiger Monate abgeschlossen sein, realistisch sind jedoch drei bis fünf Jahre. Yannik Cabac hat sich vor Kurzem freigeflogen, er darf jetzt also als Flugschüler allein im Segelflugzeug sitzen.

Geflogen wurde am Flugplatz Borstel auch während des Corona-Lockdowns. Damals jedoch nur alleine in den Flugzeugen. Da die Sportart draußen stattfindet, können Sicherheitsmaßnahmen leicht eingehalten werden. Anfang Mai ging der Flugbetrieb wieder normal los. Nur Flüge ins Ausland sind noch nicht möglich. Fluglager und Veranstaltungen finden aber wieder statt.

Großes Vertrauen im Segelflieger

Während ich mich an meinen Gurt klammere und versuche, ruhig zu atmen, prüfen die Vereins-Mitglieder das Flugzeug auf Sicherheit und Technik. Das Band, das den Segelflieger per Spule in die Luft befördert, muss sich leicht abwerfen lassen und die Pedale müssen funktionieren. Ich solle bitte keine bunten Knöpfe drücken – kein Problem, meinen Gurt wollte ich so schnell sowieso nicht loslassen. Auch wenn der rot-weiße Holzsegler nicht danach aussieht, ist er doch der älteste und erste Segelflieger des Vereins – hoffentlich leidet er nicht an Altersschwäche.

Bei meinen Gedanken bin ich froh, Tina Banerjee mit im Segelflugzeug zu haben. Ihre Ruhe färbt zumindest ein wenig auf mich ab. Seit etwa vier Jahren startet die 35-Jährige regelmäßig vom Flugplatz Borstel.

In der Luft ist auch Platz für Frauen

Während sich meine Atmung am Himmel bei 100 km/h langsam normalisiert und ich sogar die Kamera für Fotos zücken kann, erzählt Tina Banerjee, was ihr im Flugsport am meisten Sorge bereitet: „Uns fehlen die Frauen.“ Diese seien in der Luft chronisch unterrepräsentiert. Die 35-Jährige, die selbst regelmäßig aus Berlin zum Flugplatz anreist, erklärt sich das durch vorherrschende Geschlechtervorurteile. „Mädchen lernen schon im Kindesalter, dass es die Jungs sind, die die Abenteuer erleben. Sie werden ängstlicher erzogen und ziehen deshalb später eine Flugausbildung nicht in Betracht“, erklärt Banerjee. Sie wünscht sich, dass auch Frauen das Fliegen lernen, denn es hat nichts mit dem Geschlecht zutun, wie sicher man ein Segelflugzeug steuern kann.

Die Berlinern fliegt gut, ich fühle mich dank ihrer beruhigenden Worte am diesigen Himmel sicher. Nach einigen Runden über Stendal setzen wir zur Landung an. Ein Ruck durchfährt meinen Magen, mit einem dumpfen Poltern setzen wir auf und haben wieder Boden unter den Rollen.

Das Adrenalin fließt noch durch meine Adern, als ich den Fallschirm ablege. Den habe ich zum Glück nicht gebraucht.