Stendal l Was möchtest du in deinem Leben noch machen? Es ist schon eine Weile her, dass sich Sven Hain diese Frage gestellt und für sich die Antwort gefunden hat, gern etwas Eigenes auf die Beine stellen zu wollen. Und so reifte in dem heute 45-Jährigen, der in der Lutherstadt Wittenberg geboren wurde, die Idee, sich mit einem Pflegedienst in Stendal selbstständig zu machen. Denn das ist sein Metier, hier ist der examinierte Altenpfleger beruflich zu Hause. Zuletzt war er im Borghardtstift als Teamleiter in leitender Funktion tätig, war für 16 Mitarbeiter zuständig. Sein Vorhaben vor Augen, besuchte er berufsbegleitend an zwei Tagen in der Woche eine Pflegedienstleiter-Schule in Magdeburg.

Tierische Geschichte

Wie er zum Standort seines Pflegedienstes in der Stadtseeallee 26-28 gekommen ist, ist eine tierische Geschichte. „Der Gorilla hat mir die Türen geöffnet“, sagt Sven Hain. Denn Ende 2018, bei einer Tour durch Stendal, war ihm das große Fassadenbild ins Auge gesprungen. Nicht nur das: Die Lage des Elfgeschossers schien ihm ideal mit Arztpraxen und Apotheke auf der anderen Straßenseite, Einkaufsmarkt und Stadtsee für Spaziergänge in der Nähe.

Und so machte er Nägel mit Köpfen, stellte sich bei der Stendaler Wohnungsbaugesellschaft vor und fand in SWG-Geschäftsführer Daniel Jircik sofort einen Unterstützer für sein Vorhaben. Eines, das über den normalen ambulanten Pflegedienst und eine Tagesstätte hinausgeht. Denn in dem Wohnblock nutzt Sven Hain auch Wohnungen. Fünf Wohnungen (drei Drei-Raum-, zwei Ein-Raum-Wohnungen) sind vermietet, alle behindertengerecht und barrierefrei, gearbeitet wird mit einem Notrufsystem. Die pflegebedürftigen Mieter werden vom ambulanten Pflegedienst betreut, viele von ihnen nutzen die Tagespflege.

Vorteile für Senioren

„Das ist vor allem auch eine Entlastung für die pflegenden Angehörigen“, sagt Sven Hain. Die könnten mit ihrem pflegebedürftigen Partner weiter in den eigenen vier Wänden wohnen, nennt er einen Vorteil. Ein weiterer: „Das Mitein­ander in der Tagespflege holt alleinstehende Frauen und Männer aus der Isolation, viele sehen wieder einen Sinn im Leben.“

Und der Inhaber des Pflegedienstes erzählt, wie begeistert selbst Männer, die sonst nichts mit Hausarbeit am Hut hatten, heute beim täglichen Backen helfen. Denn auch das gehört zum Programm, ebenso wie Basteln, Sport, Spaziergänge, Gesellschaftsspiele, Entspannungsphasen, Fernsehen. Auf 160 Quadratmetern gibt es ausreichend Platz für alle Angebote. Die Fußpflege kommt ins Haus, auch Physiotherapeuten. „Jeder kann machen, wozu er Lust hat. Jeder kann, niemand muss, denn die Gäste sollen sich wie zu Hause fühlen“, bringt es Sven Hain auf einen kurzen Nenner.

Auf Spaziergang Essen mitnehmen

„Aber am Spaziergang sollte jeder teilnehmen.“ Der führt jeden Tag zum Catering-Anbieter in der Nähe, dort holt sich jeder Tagespflege-Gast sein Essen ab. „Das bereitet allen immer Freude“, sagt der 45-Jährige.

Um 8.30 Uhr geht es morgens in der Tagespflege los mit einem Frühstück, betreut wird bis 16 Uhr. Es gibt derzeit zwölf Plätze. „Mehr sollen es auch nicht werden. Wir möchten es klein und familiär halten. So kann jeder Gast individuell nach seinen Bedürfnissen betreut werden“, erklärt Sven Hain. Acht Gäste kommen an allen fünf Werktagen, vier nur an drei Tagen. Wer nicht im Haus wohnt, kann für die Tagespflege den Hol- und Bringedienst nutzen.

Richtige Entscheidung

Auch wenn er sich den Weg zur eigenen Firma einfacher vorgestellt hatte (Stichwort Anträge und Bürokratie), sagt Sven Hain heute, gut fünf Monate nach dem Start am 1. August: „Die Entscheidung war auf jeden Fall richtig. Ich bin schon stolz darauf, was wir in der Kürze erreicht haben.“ Bewusst sagt er „wir“, denn das Erreichte sei eine Teamleistung. Derzeit hat sein Pflegedienst sechs Mitarbeiterinnen, darunter seine Stellvertreterin Saskia Siegel, die ihm für andere Dinge den Rücken freihält. Der Chef weiß: „Zufriedene Mitarbeiter sind das A und O.“

Er weiß aber auch, dass die Bedingungen stimmen müssen, um sie zu halten. Ein Weg dabei ist für ihn ein „Wunschdienstplan“. Er wolle den Plan nicht als Chef vorgeben, sondern die Kommunikation untereinander fördern – darum stimmen die Mitarbeiterinnen untereinander den Dienstplan ab, Sven Hain schaut abschließend drüber. Im Plan taucht er selbst auf, arbeitet am Wochenende oder an Feiertagen im ambulanten Pflegedienst mit. „Dann kennt man auch als Chef jede Tour und kann immer einspringen.“ Familiär und kommunikativ – diese Attribute benutzt der Jungunternehmer, wenn er seine Mannschaft und deren Miteinander beschreibt.

Helfende Hände im Lebensbaum

Wenn Sven Hain sagt: „Wir haben alles richtig gemacht“, meint er vor allem die Zeit, die er und sein Team sich genommen haben. „Wir wollten langsam wachsen.“ Schritt für Schritt soll das Pflegedienstangebot ausgebaut werden. In diesem Jahr sollen drei weitere Drei-Raum-Wohnungen hergerichtet werden. „Dabei binden wir gern die künftigen Mieter ein, die ihre Wünsche äußern können“, sagt der 45-Jährige und meint damit selbst vermeintlich kleine Dinge wie die Lage von Steckdosen – die zum Beispiel bei der Position eines Pflegebettes doch eine größere Bedeutung bekommen. Auch wenn die Umsetzung zeitlich noch offen ist, sehen Sven Hains Pläne vor, Plätze für eine Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege zu schaffen, auch eine Senioren-WG ist angedacht.

Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen helfende Hände zu reichen, Hände, die Halt geben und Sicherheit – dieses Anliegen seines Pflegedienstes hat Sven Hain optisch im von ihm selbst gestalteten Firmenlogo verarbeitet. Es zeigt einen Lebensbaum mit braunem Stamm und grünem Blätterdach, die starken Äste links und rechts enden jeweils in einer Hand, symbolisieren ausgebreitete Arme.

Bei all seinen Vorhaben arbeitet Sven Hain eng mit der SWG zusammen. „Die Mitarbeiter haben uns bisher immer toll unterstützt, sie waren vom ersten Tag an involviert. Da konnten wir vieles auf kürzestem Weg klären.“