Volksstimme: Sie leben ohne...? ohne 

Josefine Berghäuser: Also: Ohne Fernseher, ohne Auto. Nicht ganz genau ohne Plastik, aber ohne Flaschen und Tüten. Und ohne Schminke. Ich mache keine Reisen mit dem Schiff und dem Flugzeug. Und ich verzichte auf tierische Produkte und weitestgehend auch auf tierische Materialien – ich habe noch einen Ledergürtel, den aber schon, seit ich 14 bin, und ich trage noch Lederschuhe. Ach so, seit dem Corona-Lockdown, da hatte ich die Möglichkeit, das auszuprobieren, benutze ich kein Shampoo mehr, wasche meine Haare nur noch mit Wasser. Und außerdem kaufe ich keine Monatshygieneprodukte, sondern nutze eine Menstruationstasse.

Fällt Ihnen das alles leicht?

Vielleicht mache ich es mir leicht oder sehe es einfach positiv. Schwer fällt es mir aber zum Beispiel, wenn ich mit anderen zusammen esse, die meine Einstellung nicht teilen. Da habe ich oftmals das Gefühl, ich mache ihnen ein schlechtes Gewissen, und dann wird das Essen zum Thema beim Essen... das macht mir dann zu schaffen.

Ich mache mir auch noch Gedanken wegen des Fliegens, denn eigentlich würde ich gern mal meine Stendaler brasilianischen Freunde in ihrem Land besuchen. Das wäre für die Freundschaft gut und ich bin neugierig aufs Land, aber ich zweifle, dass ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Außerdem ist eine Flugreise eigentlich auch total anstrengend, die ganze Organisation, die Anreise, die viele Zeit, die man mit Warten verbringt... Ah, und außerdem habe ich gar keinen Reisepass – noch ein „Ohne“!

Wo geraten Sie denn noch an Grenzen?

Ich liebe Eis, und wenn es kein veganes gibt, nehme ich das andere trotzdem. Oder Pommes: Wenn ich die aus der Tiefkühltruhe kaufe, sind sie natürlich in Plastik verpackt. Oder wieder bei Treffen mit anderen: Manchmal fehlt mir die Zeit, um etwas Unverpacktes selbst zu besorgen oder vorzubereiten, es ist eben doch etwas mehr Aufwand. Andererseits gerate ich auch an meine Grenzen beim Selbermachen (lacht). Neulich habe ich Tortilla-Chips selber gemacht, vom Teig für die Tortillas bis zum Backen – das war ein überwältigendes Geschmackserlebnis, aber eben auch total aufwendig.

Wie kam es, dass Sie auf so Vieles verzichten

Bei Plastiktüten weiß ich noch, dass es eine bewusste Entscheidung war: Ich war so 13 Jahre alt, im Gespräch mit meiner Cousine ging es um die Verantwortung der Großkonzerne und um Kinderarbeit... Da ich es zu dem Zeitpunkt aber geil fand, die neuesten Marken-Sneaker zu haben, habe ich mir überlegt, wie ich anders ein bisschen was zum Besseren beitragen kann. Also beschloss ich: Ich nehme keine Plastiktüten mehr, sondern habe immer einen Stoffbeutel dabei.

Mit dem Fernseher war es so, dass der, den ich hatte, mal vom Schrank gefallen war und dann eben kaputt war. Seither gab‘s keinen mehr.

Ein Auto hatte ich nie, ich war schon immer mit dem Fahrrad unterwegs. Aber ich habe mir mal eins geliehen oder bin bei anderen mitgefahren. Ich habe sogar mal einen Job abgelehnt, bei dem ich ein Auto gebraucht hätte. Es wäre eine gute Arbeit gewesen, aber das passte eben nicht mit meiner Überzeugung zusammen.

Sehen Sie das als Verzicht oder Bereicherung?

Es ist auf jeden Fall eine Bereicherung. Man spart Zeit und Kosten. Und mit dem Plaste ist es so: Ich habe den ganzen Müll einfach nicht zu Hause. Ganz ohne Verpackung geht es wohl nicht, und es wäre eine Selbstgeißelung, wenn man sich alles ganz versagt, zum Beispiel, wie erwähnt, bei den Tiefkühl-Pommes – die müssen eben mal mit, aber das ist dann eine bewusste Entscheidung und es ist was Besonderes, ich zelebriere das dann.

Gibt es auch Nachahmer?

Nachahmer gibt es, ja, vor allem im beruflichen Kontext konnte ich viel bewirken. Aber auch bei meiner Familie und bei Freunden. Es hat keinen Sinn, anderen zu sagen, das oder das wäre besser für Dich oder das Klima, aber ich möchte gern Inspiration geben. Und ich freue mich, wenn ich um Rat gefragt werde oder als mein Vater sich zum Beispiel darüber gefreut hat, dass ich ihm einen Mehrfach-Kaffeefilter und Gemüsenetze geschenkt habe.

Aber oft ist es auch so, dass man in winzigen Aspekten belächelt oder sogar beschimpft wird: Wenn eben irgendwo doch ein bisschen Plaste drin ist oder man das noch vorhandene Einweggeschirr aufbraucht. Es wird so sehr genau hingeguckt, ob man das alles auch ja hundertprozentig macht – dabei machen es die anderen gar nicht und lenken nur von ihrer eigenen Unzulänglichkeit ab. Es ist gemein, dass diejenigen, die etwas tun, dann auch noch an den Pranger gestellt werden. Das ist irgendwie absurd.

Gibt es eine Sache, woran Ihr Herz hängt?

Naja, ich hänge schon irgendwie an diesem Ledergürtel aus Jugendtagen, auch wenn ich ihn seit Ewigkeiten nicht mehr getragen habe. Insgesamt lebe ich mittlerweile so minimalistisch, dass ich die Dinge, die ich habe, wertschätze... die Uhr oder die Hose, die ich trage. Und ich habe angefangen, mir Barfußschuhe zu kaufen, da habe ich jetzt fünf Paar für alle Jahreszeiten und den Sport. Es ist so ein tolles Gehgefühl, darauf möchte ich nicht mehr verzichten. Genausowenig auf meinen Göffel (Anm. d. Red.: ein kombiniertes Gabel-Löffel-Besteck) und auf mein Taschenmesser, die habe ich beide immer dabei.

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