Stendal l Auto, Fernseher, Handy, Fernreisen, mehr Geld, immer Fleisch, neue Klamotten... Muss man haben? Viele Menschen finden, dass es auch ohne solche Verheißungen der modernen (Konsum-)Welt geht. Volksstimme-Redakteurin Nora Knappe möchte in dieser Serie von ihnen wissen, wie es sich „ohne“ lebt und wie es dazu kam. Heute: Yvonne Riesmann (45), Inhaberin von „MY Unverpackt“ in Stendal.

Volksstimme: Sie leben ohne …?
Yvonne Riesmann: Ich lebe ohne Auto und mit möglichst wenig Verpackungsmüll.

Wie kam es jeweils dazu – dezidiert oder eher beiläufig?
Bis März 2019 hatte ich einen Firmenwagen, den ich auch privat nutzen konnte. Dann habe ich den Job aufgegeben und damit auch das Auto. Mit meinem Unverpackt-Laden in Stendal habe ich mich selbstständig gemacht, und da ich in Stendal wohne, verzichte ich bewusst auf ein Auto.

Zum Thema Verpackung hatte ich einige Bücher gelesen und einen Workshop im Unverpackt-Laden in Kiel besucht, seither hat es mich nicht mehr losgelassen. Aber es ist ein schleichender Prozess, mit Milch in Flaschen und Joghurt in Pfandbehältern fing es an und dann ging es im Kleinen weiter, bis zur Zahnputztablette oder der Seife statt Shampoo.

Ist dieses Ohne und Weniger einfach umzusetzen?
Ich habe mich daran gewöhnt, möglichst alle Wege mit dem Fahrrad zu machen. Es tut ja auch gut, man bewegt sich mehr, ist an der frischen Luft. Und oft bin ich so schneller als mit dem Auto. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich zur Not am Wochenende das Auto meines Mannes nehmen könnte. Die größeren Wochenendeinkäufe machen wir dann auch meist per Auto.

Bei dem Vermeiden von Kunststoffverpackung ist es für mich durch den eigenen Laden natürlich noch einfacher. Aber ich würde jedem raten, es Stück für Stück anzugehen. Und vor allem: nichts wegwerfen, nur weil es eine Plastikverpackung hat, sondern erst mal aufbrauchen. Und dann einfach ausprobieren, was einem liegt und was praktisch ist. Ich finde das Einkaufen insgesamt entspannter, ich kaufe zielgerichteter und bewusster, und manchmal verzichte ich ganz auf den Kauf.

Sie leiden also nicht unter Ihrem moderaten Verzicht...
Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: Ach, wie schön bequem wäre es jetzt, im Auto zu sitzen. Aber nur, weil mir dann fürs Regenwetter noch die richtige Fahrradkleidung fehlt (lacht). Im Moment ist das Fahrradfahren für mich aber definitiv eine Bereicherung, weil es mir gut tut, ich genieße es.

Auch bei der Verpackung ist es eher eine Erleichterung, weil man anfängt, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren, und weil man merkt, dass man vieles ja gar nicht braucht. Ich kaufe nur noch bedarfsgerecht, Kleidung tausche ich viel mit Freundinnen und meinen Schwestern. Man fängt an, sich zu entmüllen.

Werden Sie für Ihre Entscheidung zum „Ohne Auto“ und für Ihren Unverpackt-Ehrgeiz belächelt oder finden Sie damit sogar eher Nachahmer?
Manche neue Gewohnheiten verselbstständigen sich in der Familie und im Freundeskreis, das ist schön zu sehen. Und manchmal ist es besser, wenn man es einfach vormacht, statt ewig drüber zu diskutieren. Vorschreiben möchte ich sowieso niemandem etwas. Man muss es ja selbst wollen.

Beim Auto ist es teils, teils. Manche staunen und sehen es als Verzicht. Ich finde es ja faszinierend, dass viele Menschen ein Auto als Statussymbol brauchen, dass es ein Prestigeobjekt ist. Andere aber sagen, dass sie das toll finden und auch gern aufs Auto verzichten würden, es aber für die Arbeit brauchen.

Und was ist Ihr persönliches Konsum-Laster?
Ach, da gibt es hier im Feinkostladen diese Knusperstangen, die sind leider in Plaste verpackt. Die hole ich mir ab und zu. Und ich benutze eine Wimpernspirale, da ist viel Plaste dran, aber ein bisschen Kosmetik nutze ich schon gern. Oder zum Beispiel Frischkäse, den kaufe ich auch, obwohl man ihn selber machen könnte – aber dafür fehlt mir dann doch die Zeit.

An welchem Gegenstand, welcher Sache hängt Ihr Herz?
Ich bin ein Karnevalskind, und da habe ich eine Kiste mit ganz vielen Sachen und Utensilien drin, die man ja mal gebrauchen könnte. Auch wenn man sie eben eigentlich nicht braucht. Ansonsten ist mir mein Garten wichtig, das ist mein Ruhepol.

Möchten Sie auch bei unserer Serie „Einfach ohne...“ mitmachen? Melden Sie sich bei Nora Knappe, Tel. 03931/638 99 28 oder per Mail: nora.knappe@volksstimme.de (gern mit ersten Angaben zu Ihrem „Ohne“ oder „Weniger“)

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