Stendal l Wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung seiner Nachbarin in einem Mehrgeschosser im Wohngebiet Stadtsee steht ein 20-Jähriger vor der Jugendkammer. Die Anklage wirft dem jungen Syrer vor, die Frau sexuell attackiert zu haben.

Vollendet wurde die Vergewaltigung nicht, weil sich die 44-Jährige heftig wehrte. Es gelang ihr sogar, per Handy einen Notruf abzusetzen, so dass Hilfe kam.

In Erwartung eines Bekannten hatte die Frau am späten Abend des 24. Januar dieses Jahres ihre Wohnungstür geöffnet. Der 20-Jährige, den sie flüchtig kenne, habe sie von der Tür in Richtung Wohnzimmer-Couch gedrängt, sagte sie als Zeugin aus. Weil sie sich offensichtlich aus Scham über das Vorgefallene scheute, Details zu schildern, wurden ihr ihre polizeilichen Aussagen als Erinnerungsstütze vorgehalten.

Die vernehmenden Beamtinnen bestätigten und ergänzten als Zeugen vor Gericht. Demnach hat der 20-Jährige die Nachbarin erst zu küssen versucht, sodann in brutaler Weise entkleidet und sie an der Brust sowie im Intimbereich begrapscht und abgeleckt. Von Zerren und Kneifen und sogar einem Biss war im Gutachten von Rechtsmedizinerin Dr. Katja Jachau am Donnerstag die Rede.

Jugendgerichtshilfe soll gehört werden

 Die Fachärztin für Rechtsmedizin der Universität Halle sprach von starken, rot bis blau-violett verfärbten Schwellungen insbesondere an den Gliedmaßen sowie am Gesäß des Opfers. Die Verletzungen führte Dr. Jachau auf „Einwirkung stumpfer Gewalt“ zurück. „Einfaches Anfassen reicht dafür nicht aus“, erklärte sie. Da sei „größere Intensität nötig“.

Der 20-Jährige wurde noch am Tatort festgenommen, seitdem sitzt er in U-Haft. Vor Gericht räumte er die Tat ein und sagte, dass es ihm leid tun würde. Er gab an, unmittelbar davor einen „Joint“ geraucht und Alkohol konsumiert zu haben. Anhand der Blutprobe errechnete die Rechtsmedizinerin aber nur einen Blutalkoholwert von 0,4 bis 0,9 Promille zur Tatzeit.

Auch sei die im Blut festgestellte Drogenmenge sehr niedrig gewesen. „Die Behauptung, er hätte unmittelbar zuvor einen Joint geraucht, passt nicht zum Befund“, erklärte Jachau.

Im Prozess vertritt ein Anwalt die Interessen des Opfers. Für Mittwoch kündigte Richter Ulrich Galler als Vorsitzender der Jugendkammer die Anhörung der Jugendgerichtshilfe zum Entwicklungsstand des rechtlich als heranwachsend geltenden 20-Jährigen an. Dem sollen die Plädoyers und auch das Urteil folgen.

Entscheidend ist die Frage, ob Erwachsenenstrafrecht oder das mildere Jugendrecht angewandt wird. Als Erwachsener hätte der Angeklagte mindestens sechs Monate Gefängnis zu erwarten.