Havelberg l Die Öffnungszeit ist nicht gleichbedeutend mit dem Arbeitsbeginn für Danie­la Lindholz. „Ich bin meistens schon bis zu einer Stunde früher im Gasthaus“, sagt sie. „Denn es gilt eine ganze Reihe von Vorbereitungen zu treffen.“ Die übrigens durch die Corona-Auflagen noch erweitert worden sind. Für sie als Kellnerin gehört beim Bedienen von Gästen auch der Mund-Nasen-Schutz dazu. „Was sein muss, muss sein“, kommentiert sie. „Immerhin geht es um unser aller Gesundheit.“ Auch der Reporter muss sich daran halten. Aber ich habe erst einmal Zeit, um in ihre Tätigkeit ein bisschen hineinzuschnuppern.

Daniela Lindholz stellt Tische und Stühle im Biergarten exakt so, wie sie sich das vorstellt, wischt dann alles mit Desinfektionsmittel gründlich ab – so wie es vorgeschrieben ist – und deckt die Tische mit dem Notwendigsten ein. Mit der Kellnerei hat das natürlich erst einmal fast nichts zu tun, „aber es gehört trotzdem zum Beruf dazu“, macht sie deutlich. Zwölf Tische sind es insgesamt. Stühle mit Abstand stehen an diesen.

33 Kilometer in drei Tagen

Dann ist ein Päuschen drin. Denn im großen, aber zumeist schattigen Biergarten hat sich zur Öffnung um die Mittagszeit gerade erst ein Gast verlaufen. „Aber das ändert sich bald“, ist sich Daniela Lindholz sicher. „Vor einer Woche habe ich auf Arbeit – mit einem Schrittzähler gemessen – von Freitag bis Sonntag 33 Kilometer in den Beinen gehabt. Da spürt man am Abend dann seine Füße kaum noch.“ Ein Marathon in drei Tagen. Alle Achtung! – Das sind ja dann wohl keine besonders guten Aussichten für den Reporter als Hilfskellner. Zumal der gerade nicht so gut auf den Beinen und auf einem Auge zudem sehbehindert ist. Oder anders formuliert: als Kellner wirklich nicht zu gebrauchen.

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Es füllt sich merklich. Daniela Lindholz und ihre Kollegin Saskia sind nun unaufhörlich auf Achse. Sie begrüßen die Gäste, halten für diese die wegen der Corona-Pandemie vorgeschriebenen Listen zum Eintragen der Kontaktdaten sowie die Speise- und die Eiskarten bereit und nehmen Bestellungen entgegen. Dann geschieht, was Daniela Lindholz vorausgesagt hat. Die Plätze an den Tischen füllen sich Schlag auf Schlag. Und damit bin auch ich an der Reihe.

Ich weise neu ankommenden Gästen Tische zu und helfe dabei, bestelltes Essen aus der Küche zu holen und – mit dem Hinweis, dass ich das wirklich zum allerersten Male mache – am Tisch zu servieren. Die Speisen umgibt stets ein sehr appetitlicher Geruch – das verstärkt auch bei mir den Hunger.

Höchstens ein Schluck Wasser

Daniela Lindholz und ihre junge Kollegin haben bei der inzwischen eingezogenen Hektik schon gar keine Zeit, zwischendurch mal was zu sich zu nehmen. Höchstens einen Schluck Wasser. Denn der ist bei der Hitze draußen und der anstrengenden Lauferei und Tragerei wichtig.

„Aber ich liebe es, wenn ich Stress habe, wenn es hier so richtig voll ist“, gibt die Kellnerin für mich wirklich etwas sehr Erstaunliches von sich. „Dann vergeht die Zeit schneller, und Bewegung soll ja auch gesund sein.“ Und schon ist sie wieder mit einer ganzen „Ladung“ zu einem Tisch mit Gästen unterwegs.

Schon beim Zuschauen wird mir schwindelig. Ich staune, was so alles an mit den verschiedensten Getränken gefüllten Gläsern auf ein Ta­blett passt. Mit dem dann auch noch ein paar Treppenstufen sicher bewältigt werden müssen. Was Daniela Lindholz aber perfekt beherrscht. Ihr Tablett balanciert sie, so scheint es mir, traumhaft sicher. Jahrzehntelange Übung, denn so lange ist sie bereits in diesem Job, hat sie zu einer Meisterin ihres Faches gemacht.

Ich habe einen solch wackligen „Transport“ in meinem Kellner-Job im Biergarten dankend abgelehnt. Denn ich habe mich schon mit dem Tablett stolpern und anschließend die vielen Scherben auffegen gesehen. Die vielen Gäste hätten sich über mein Ungeschick als aalglatter Anfänger bestimmt köstlich amüsiert.

Nicht alle Preise im Kopf

Aber auch in all den vielen Jahren „habe ich es noch nicht geschafft, mir wirklich alle Preise, vor allem die von bestimmten Getränkegrößen, komplett einzuprägen“, gibt Daniela Lindholz zu. „Wenn ich eine solche Frage nicht beantworten kann, dann hilft letztlich der Kassenautomat weiter, in dem alle Preise gespeichert sind.“

Apropos Kasse. Auch das Ausstellen der Rechnungen gehört zu den Aufgaben der Kellnerin. Wichtig dabei ist, trotz eines gut gefüllten Biergartens die Übersicht über die Bestellungen an jedem einzelnen Tisch nicht zu verlieren. Damit die Gesamtrechnung beim Abkassieren eines jeden Gastes auch stimmt.

Mit all den Geldangelegenheiten habe ich an diesem Tag nichts zu tun. Für die Bedienung des Kassenautomaten hätte ich wohl eh erst einen Weiterbildungslehrgang absolvieren müssen.

Ein Job, der auf die Knochen geht

Eines aber hat mir das Experiment gezeigt. Kellnerin oder Kellner zu sein, ist eine richtig harte Arbeit. Laufen, laufen, laufen. Ein Job, der auf die Knochen geht. Belastbarkeit, Kontaktfreude, gute Umgangsformen und ein gutes Gedächtnis sind dabei unabdingbar. Deshalb werde ich die Arbeit solcher Servicekräfte künftig ganz sicher mit ganz anderen Augen sehen und sie besser zu schätzen wissen. Besonders bei solch schweißtreibenden Temperaturen wie gegenwärtig. Ich werde mich gerne wieder im Mühlenholz sehen lassen: aber als Gast.