Stendal l Eine gewisse Skepsis ist bei einer Serie wie dieser durchaus angebracht. Welche Menschen stellt man vor – und vor allem: warum? Genügt das Woanders-her-Sein als Kriterium? Schließlich sind es doch Menschen wie du und ich – eben nur woanders geboren. Genügt das für eine Geschichte? Läuft man nicht Gefahr, in eine Guter-Ausländer-schlechter-Ausländer-Falle zu tappen? Mit diesen Fragen im Kopf hatte ich Stella Khalafyan gefragt, ob sie mitmachen würde, und bin schließlich dankbar, dass das Treffen stattfindet – denn auch ihr stellten und stellen sich diese Fragen.

Stella Khalafyan hat dafür eine besondere Sensibilität, denn sie arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Integrationskoordinatorin beim Landkreis Stendal, trifft also täglich auf „Menschen aus der Welt“ und deren Start- oder Durchhalteschwierigkeiten in der neuen Heimat.

Lieber fragen als vermeiden

„Es ist okay, neugierig zu sein und Fragen zu stellen“, findet sie, „besser, als tausend Fragen im Kopf zu haben und sie nicht anzusprechen und Begegnungen zu vermeiden.“ Sie möchte aber keinesfalls als Vorbild gesehen werden – das zu sagen, ist ihr wichtig. „Es gibt ja nichts, was ich kann, nur weil ich aus Armenien komme. Aber es gibt auch nichts, was ich nicht kann, nur weil ich Ausländerin bin.“

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Und da sind wir schon mitten im Thema. Zwei Heimaten hat also auch Stella Khalafyan. Mit 24 Jahren verließ sie Armenien – das Land, in dem sie in der kleinen Stadt Agarak, ganz nahe an der Grenze zu Iran, geboren wurde, aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. „Armenien ist ein Teil von mir, und wird es immer bleiben.“ Die 32-Jährige möchte nicht kategorisiert werden. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Kultur und Identität nicht immer etwas fest Definiertes ist. Was ist deutsch, was ist armenisch? Da würde wohl jeder was anderes sagen. Das ist sehr individuell und sehr subjektiv.“

"In Armenien ist alles langsamer"

Und doch gibt es da etwas, das sie als etwas ausgemacht hat, was hier buchstäblich anders läuft: die Zeit. „Die Zeit ist hier irgendwie beschleunigt, alle haben keine Zeit. Und ich habe auch das Gefühl, dass ich ständig renne. In Armenien ist alles entspannter, langsamer, man genießt die Sekunden, auch wenn dort vieles viel schwerer ist im Alltag.“ Das vermisst sie hier. Ohne Terminkalender kommt Stella Khalafyan inzwischen selbst nicht mehr aus. Nicht etwa, weil das zum Gut-integriert-Sein gehörte, sondern weil sie doch auch irgendwie so tickt. „Ich kann es nicht leiden, wenn jemand zu spät kommt.“ Sie muss lachen ob dieser Selbstbeobachtung. Denn sehr deutsch ist das nunmal schon.

Für Stella Khalafyan gab es sehr früh Berührungspunkte mit Deutschland. Das ging in der 4. Klasse los, mit Deutsch als zweiter Fremdsprache, nach Russisch. „Meine Deutschlehrerin war ein großer Fan von Deutschland, hat uns vom ersten Tag an damit angesteckt, obwohl sie selbst nie dort gewesen ist.“ Amüsiert erinnert sich Stella Khalafyan an ihren Traum, unbedingt in Heidelberg studieren zu wollen: „Weil in unserem Deutschbuch ein Bild von der Uni Heidelberg als ältester Universität Deutschlands war. Das hat mich sehr geprägt.“

Fernweh und Freiheit

Nun, studiert hat sie dann in Regensburg, „Ost-West-Studien“, es war ihr zweiter Master-Abschluss. Denn einen ersten in „Internationalen Beziehungen und Diplomatie“ hatte sie schon an der Universität Jerewan abgelegt. Ein DAAD-Stipendium und eine Freundin, die sie überredet hatte, sich dafür zu bewerben, halfen ihr bei diesem Sprung ins Ausland. „Es war die richtige Entscheidung, denn da hatte ich tatsächlich schon wieder Fernweh.“ Zwischendurch war sie bereits einmal in Deutschland gewesen, für ein Praktikum im Deutschen Bundestag.

Das Fernweh, das Neugierigsein und In-Bewegung-Bleiben wohne ihr wohl inne, sagt sie. „Ich glaube, ich bin ein bisschen eine Nomadin. Die Welt ist so groß, ich muss sie sehen.“ Die Freiheit, die sie inzwischen erlebt hat, ist ihr ein großer Schatz. „Armenien ist ein patriarchalisches Land. Wenn man einmal raus ist und die Freiheit spürt, sich zu verwirklichen, gerade als Frau, dann verändert sich für einen selbst vieles.“ Manchmal beschäftigt sie der Gedanke, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wie sie selbst geworden wäre, wenn sie geblieben wäre.

"Ich vermisse die Berge"

Armenien ist ein Land, das man ruhig mal gesehen haben sollte. „Unbedingt!“ Wegen der Menschen, sagt Stella Khalafyan. „Viele sind dort Weltmeister in Gastfreundlichkeit.“ Und wegen der alten und sehr wechselvollen Geschichte. Und wegen der Berge. „Ich vermisse die Berge sehr. Wenn ich im Harz oder in Bayern bin, schlägt mein Herz immer etwas lauter. Mein Herz gehört den Bergen.“

Wer nur eine Heimat hat, der kann schlecht nachvollziehen, wie das ist, sich an zwei Orten heimisch zu fühlen. Manchmal wohl auch ein wenig zerrissen, innerlich mal mehr hier, mal mehr sehnsüchtig dort. Für Stella Khalafyan ist es aber auch bereichernd. Sie fühlt sich in Stendal sehr zu Hause, seit 2014. Sie lebt hier mit ihrem Mann, der wiederum aus der Ukraine stammt und den sie in Marburg kennengelernt hat. Sie sagt, sie könne hier entspannt leben. „Aber wenn ich meine Eltern und meinen Bruder in Armenien besuche, dann ist das auch wie Nachhausekommen. Dort habe ich ein starkes Gefühl von Geborgenheit.“ Sobald sie aber in einer anderen Stadt in Armenien ist, zumal in der Hauptstadt Jerewan, dann überkommt sie schnell der Wunsch: „Ich möchte nach Hause.“ Und dabei denkt sie an Stendal. Auch wenn sie sich hier wiederum manchmal wie ein Exot fühlt.

Als Muttersprachler wär's einfacher

Rassismus und Diskriminierung müssen gar nicht so offensichtlich wie plumpe Häme oder direkte Beleidigung sein, nein, das läuft manchmal ganz subtil. Oft gar nicht mal mit Absicht, sondern unbedacht. Aus Stereotypen und Vorbehalten entsprungen. „Direkte Anfeindungen habe ich bislang nicht erlebt, aber ich hatte schon oft das Gefühl in bestimmten Situationen, wenn ich Muttersprachler wäre, wäre ich vielleicht freundlicher behandelt oder ernster genommen worden. Es wäre sicher einfacher.“ Ihr Deutsch ist fast makellos, ein leichter Akzent verleiht ihm charmanten Charakter.

Zugegeben, es fällt tatsächlich schwer, einen Menschen, der eben woanders herkommt, nicht als einen solchen wahrzunehmen. Und doch ist Stella Khalaf­yans Geschichte gar nicht so sehr die Geschichte einer Ausländerin, sondern die Geschichte eines neugierigen, weltoffenen, zugewandten, interessierten, sympathisch-zurückhaltenden und gleichsam herzlichen, warmherzigen Menschen. So viel jedenfalls steht nach den eineinhalb Stunden Gespräch mit ihr fest.

Eines Menschen auch, der gern kocht und dem Lebensmittelqualität sehr wichtig ist, der gern in der Natur spazieren geht, viel liest und gern ins Kino geht, weniger gern zum Sport, „aber einmal in der Woche, um wenigstens die Balance zu halten“.

Sie will mitgestalten

Und eines Menschen, der nicht alles für gegeben und unabänderlich hinnimmt, was ihn umgibt. Stella Khalafyan möchte mitgestalten. Und da sagt sie einen Satz, der dem ein oder andern doch zum Vorbild werden könnte: „Wenn du dich nicht mit der Politik beschäftigst, beschäftigt sich die Politik mit dir.“ Darum ist sie SPD-Mitglied geworden und hat es im Mai in den Stendaler Stadtrat geschafft. Sie hat viel vor: Inklusion in allen Lebensbereichen, Bildungschancengleichheit, Armutsbekämpfung, Klimaschutzkonzept, mehr Bürgerbeteiligung... „Es gibt so viele Möglichkeiten, wir müssen viel innovativer denken.“

Seit vorigem Jahr ist Stella Khalafyan deutsche Staatsbürgerin. „Zuerst war die Entscheidung nicht leicht, und ich hätte gern auch meinen armenischen Pass behalten. Aber ich lebe hier und möchte die gleichen Rechte und Pflichten wahrnehmen.“ Das „hier“ kann für sie auch irgendwann irgendwoanders sein. Neue Leute, neue Orte, neue Geschichten – die warten überall. Deswegen weiß Stella Khalaf­yan auch nicht, ob Stendal ihr Endhaltepunkt ist. Sie sucht nicht absichtsvoll, sie lässt die Dinge auf sich zukommen. „Es kann also auch sein, dass ich hier alt werde. Wer weiß...“