Stendal l Das Wandern hat ein Ende. Die Sportgeschichte der Stadt Stendal, die in den zurückliegenden Jahren auf Schautafeln dokumentiert und in verschiedenen Ausstellungen wie in der Volksbank oder im Haus der Vereine gezeigt wurde, hat einen festen Platz gefunden.

Stadtseeallee Nummer 1

In der Stadtseeallee Nummer 1, in der unteren Etage des Firmensitzes der Ingenieurbau Altmark GmbH, wird in den Räumen der ehemaligen Videothek seit Jahresbeginn ein Sportmuseum aufgebaut. Noch ist der große, hohe, lichtdurchflutete Hauptraum karg eingerichtet, was einer Entdeckungstour jedoch nicht hinderlich ist. Auf Tischen, in Vitrinen, an Aufstellern wird die Vielfalt des Sports der Hansestadt dokumentiert, die sich sehen lassen kann.

Da sind die Fußballer von Lok und Eintracht Stendal, Turnerriegen, Feldhandballer, Reitsportler, Radrenner um Friedensfahrtlegende Täve Schur, Leichtathleten und Tischtennisspieler sowie Champions des Boxsports, zu denen Günter Müller als Deutscher Meister von 1956 gehört. Die Pokale, Trikots, Fotos und andere Exponate reichen bis in die Gegenwart wie eine Ausstellung, die dem freundschaftlichen Austausch mit der polnischen Partnerstadt Pulawi gewidmet ist.

Bilder

Ältestes Ausstellungsstück stammt von 1887

Ins Auge fällt eine Medaille hinter Glas, sie stammt aus dem Jahr 1887 vom Kreisturnfest der Provinz Sachsen und Anhalt und ist bislang das älteste Ausstellungsstück. Die Sportgeschichte Stendals selbst reicht bis in das Jahr 1815 zurück. Diese nun mit Akribie und großem Engagement aufzuarbeiten, das haben sich zwei Herren auf die Fahne geschrieben: Uwe Bliefert als ehenamtlicher Leiter und Jörg Hosang als Mitarbeiter des Sportmuseums.

Während Ersterer von 1990 bis 2018 im Amt für Jugendsport und Soziales der Stadt Stendal tätig war und so hauptberuflich zig Dokumente der Sportgeschichte zusammengetragen hat, war Jörg Hosang eher im Hintergrund aktiv. „Aber nicht minder“, betont Bliefert, der in Stendal gern „Sportminister“ genannt wird.

Dienstag und Donnerstag geöffnet

Dass er als solcher einmal in die Sportgeschichte der Hansestadt eingeht, daran liegt dem ehrenamtlichen Museumsleiter nach eigenem Bekunden wenig. Dem 63-Jährigen sei es wichtig, dass die Ausstellung wachse, sie viele Besucher erfreue, so wie seit der Eröffnung im März zu beobachten war. „Die Leute staunen, was wir schon zusammengetragen haben“, sagt Bliefert und weist darauf hin, dass das Sportmuseum jeweils dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet ist.

Gern gibt dann Jörg Hosang sein ganzen Wissen, das er sich in seiner Freizeit angeeignet hat, zum Besten. „Sicher ist beispielsweise wenig bekannt, dass Stendal von 1815 bis vor dem Zweiten Weltkrieg 65 Sportstätten hatte“, sagt der 63-Jährige, der im Tischtennis aktiv ist. Über viele Jahre habe er in dieser und anderen Sportarten geforscht und die Geschichte aufgearbeitet. Er erinnere sich noch gut daran, wie schwierig es war, die Unterlagen von Hildegard Schulze zusammenzutragen.

Viele seiner Erkenntnisse hat Jörg Hosang in Schriften verfasst wie die über den Jahn-Gedenkstein in der Heinrichslust in der Hansestadt oder über die Sportstätte bei Hartje. „Dort fanden früher stimmungsvolle Turnfeste statt“, sagt Hosang und weist auf eine historische Aufnahme auf einer Tafel. Seine Anekdoten, die er zu den historischen Geschehnissen erzählen kann, machen den Besucherrundgang noch interessanter. Eine neue Anekdote steuerte das Leichtathletik-Urgestein Siegfried Wille bei, als er einen besonderen Bierseidel für die Ausstellung übergab.

Weg führt von Westfalen in die Hansestadt

Dieser Glaskrug mit verziertem Deckel wurde Wilhelm Beckmann 1912 von der Vorturnerschaft des Männer-Turn-Vereins Stendal gewidmet. „Und jeden Abend hat er daraus sein Bier genüsslich getrunken“, sagt Wille, der eher durch Zufall auf diesen Schatz gestoßen sei.

Der Seidel stammt aus dem Besitz von Gisela Lilienthal, eine Freundin von einer Seniorensportlerin, die regelmäßig am Hanse-Cup in Stendal teilnimmt. Zur diesjährigen Leichtathletik-Meisterschaft bat sie die Freundin um Nachfrage in Stendal, ob Interesse am sportlichen Nachlass ihres Stiefvaters Wilhelm Beckmann bestünde. „Ich habe sofort zugestimmt“, erinnert sich Wille. So erfuhr er, dass Gisela Lilienthal, geborene Neumann, bis etwa 1954 in Tangermünde und Stendal lebte und heute in Westfalen zuhause ist.

Ihre Mutter und ihr Stiefvater hätten im RAW gearbeitet, ihr Bruder dort gelernt. Zudem war Wilhelm Beckmann einst ein aktiver Trainer und Übungsleiter in Stendal. Das älteste Schriftstück, das die Tochter nun dem Sportmuseum zur Verfügrung stellt, stammt aus dem Jahr 1927. Dabei handelt es sich um eine Teilnahmebescheinigung von einem Lehrgang für das Frauenturnen.

Aufklärung über Weltrekord-Diskus

Bei der Übergabe räumte Siegfried Wille gleich noch mit einer „Falschmeldung“ auf. Das Wurfgerät von Jürgen Schult „ist nicht der Welktrekord-Diskus“. Schult habe mit diesem in Stendal seinen letzten Wettkampf bestritten. Er schenkte den Diskus dem Stendaler Leichtathletikverein als Dankeschön für fünf Jahre Werfer-Gala. „Und obendrein schrieb sich Schult in das Ehrenbuch der Stadt Stendal ein“, ergänzt Bliefert und betont: „Ja, Sportgeschichte ist eben auch Stadtgeschichte.“

Deshalb werde weiter mit Sorgfalt am Aufbau des Museums gearbeitet. In Kürze soll die Außendarstellung verbessert werden. Es gebe schon konkrete Vorstellungen, wie die großen Fenster hin zur Stadtseeallee gestaltet werden. Außerdem müssen rund 5000 Unterlagen und Exponate, die noch in Kisten verpackt sind, sortiert und aufgearbeitet werden. „Dafür brauchen wir Unterstützung“, sagt Bliefert. Es fehle noch an vielem, ob geeignetes Mobiliar, Technik für die Aufarbeitung von alten Filmen bis hin zu finanzieller Hilfe. Somit seien alle, die Interesse am Aufbau des Sportmuseums haben, „immer herzlich gesehen“.