Stendal l Hohe Kosten, umfangreiche Arbeiten, während der Bauzeit nicht nutzbare Straßen – für Freude sorgt das selten. Heute ebenso wie schon vor 110 Jahren. Ein Journalist namens B. Klötzing fasste es in seinem Beitrag am 18. August 1908 in „Der Altmärker“ mit zwei Worten zusammen: „Schmerzenskind Kanalisation“. Berichtet wird in dem Beitrag „Stendal unter der Erde“, auf den Sporthistoriker Jörg Hosang bei seinen Recherchen gestoßen ist, über den Start der Arbeiten an der städtischen Kanalisation.

Es sei ein großer Tag, „als mit der Kanalisation begonnen wurde, für die wir gewiß nicht leichten Herzens eine ganze Million Mark und nochmals 100.000 Mark in die Erde vergraben müssen. Die Kanalschlange ist seit Jahren der Schrecken von Magistrat und Einwohnerschaft gewesen, denn man konnte sich ihrer unmöglich erwehren und sie frißt doch für Stendaler Verhältnisse so unendlich viel Geld.“ Doch so ein großes Projekt kostet nicht nur viel Geld, es „verschlingt auch Unsummen geistiger Arbeit“, schreibt die Zeitung und fasst damit den Planungsaufwand zusammen.

Alter Text ganz aktuell

Und weiter heißt es im Pressebericht von vor 110 Jahren, der irgendwie recht aktuell klingt: „Es wurde also gestern mit der Buddelei begonnen. Der Normaldeutsche hat einen verteufelten Respekt vor diesem Wort. Es gibt Städte, in denen wird das ganze Jahr, fast tagaus, tagein gebuddelt, da befinden sich die städtischen Straßen ständig in einem gerissenen Zustand. Einmal ist’s die Wasserleitung, dann die Gasleitung, dann die Elektrische und dann das schlechte Pflastermaterial, wegen deren gebuddelt werden muß. Die Stendaler sind in dieser Beziehung nicht die Leidtragenden. Aber jetzt ist’s eine dringende Notwendigkeit, daß die Straßen auf längere Zeit aufgerissen bleiben.“

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Begonnen wurde mit den Arbeiten für die Kanalisation in der Rathenowerstraße (damals noch so geschrieben) vom Sperlingsberg bis zur Promenade (Richtung heutiger Südwall). Geplante Bauzeit: ein Monat. Danach kam die Breitestraße (damals auch noch zusammengeschrieben) an die Reihe. „Trotzdem Tag und Nacht in der Baugrube gearbeitet werden wird“, wird eine längere Bauzeit erwartet. Zu dieser Zeit fuhr noch die Stendaler Pferdebahn über den Platz. Der Betrieb sollte nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder die Ausfälle möglichst gering gehalten werden. Zur Baudauer insgesamt heißt es: „Und so werden wir jetzt ausnahmsweise zwei Jahre in einer fortgesetzten Buddelei leben.“

Zwei „faule Uchten“

Mit der neuen Kanalisation, für die ein Trennsystem vorgesehen ist, fallen aus sanitären Gründen die zwei sogenannten faulen Uchten weg, zwei alte Kanalgräben. Geplant ist, das Abwasser mechanisch zu klären und durch Berieselung auf Sandboden nachzubehandeln. Das Regenwasser wird teils durch vorhandene alte Kanäle, teils durch neue direkt in die Uchte geleitet. Zur Aufnahme des bisher den beiden „faulen Uchten“ zugeführten Wassers sind besondere Straßenkanäle vorgesehen. Ansonsten soll das Regenwasser in den meisten Straßen oberirdisch über die Straßengossen abgeführt werden.

Für den „Transport“ der Abwässer werden zwei Zen­trifugalpumpen auf dem Gasanstaltsgrundstück in Betrieb genommen, um das 410 Kubikmeter fassende Bassin in zwei Stunden zu entleeren. Über eine 2110 Meter lange Druckrohrleitung – diese geht über die verlängerte Fabrikstraße, den Schlachthof, das Arneburger Tor, die Schützen- bis zur Bergstraße und weiter zur Vereinigungsanlage – zu den Rieselwiesen. Dort werden sie im Sandboden geklärt und vom Auffangbecken in die Uchte geleitet. Es sind insgesamt 39,7 Hektar zu berieselnde Flächen vorhanden. Um eine Geruchsbelästigung zu vermeiden, gibt es über den eigentlichen Anlagen eine massive Decke, teils aus Eisenbeton, teils aus verschiebbaren Wellblechtafeln.

Im Juli 1910 wird im „Altmärker“ folgendes Fazit gezogen: „Die Kanalisation der Stadt Stendal arbeitet tadellos.“ Es wird über die Verpachtung von Rieselflächen berichtet und darüber, dass nach der Klärung „das Wasser fast klar zum Vorschein kommt“. Dass die Kanalisationsanlage „vorzüglich arbeitet“ und „bisher nicht die geringste Störung zeigt“, hatte der „Altmärker“ auch schon in seiner Ausgabe vom 2. März 1910 festgestellt.