Stendal l Es soll da mal ein Kinder-Erholungsheim im Stadtforst gegeben haben, das habe ihr ihre Mutter erzählt. Der Anruf einer Leserin brachte uns auf die Spur dieses „Archivstücks“ und dürfte auch für manchen Stendaler eine Neuigkeit sein. Sichtbare Relikte des Heims im Wald gibt es nicht mehr – aber immerhin ein paar Akten, Fotos, Postkarten und sogar einen Plan, auf dem die Lage verzeichnet ist.

Kur bei Schwindsucht

Stadtarchivleiterin Simone Habendorf hat einige Daten gefunden, die die Geschichte etwas erhellen: „Am 4. Juni 1912 wurde die Kinderwald­erholungsstätte des Vereins zur Bekämpfung der Schwindsucht im Stadtforst eingeweiht, am 28. April 1929 begann der kombinierte Schul- und Kurbetrieb für kranke Kinder.“ Ziel war, dass die Kinder nach der Kur den Anschluss an ihre Klassengemeinschaft wiederfinden. Also gab es einen eigenen Lehrplan mit Religion, Deutsch („Geeigneter Lesestoff, der Wald und Wiese atmet.“), Rechnen, Naturkunde, Musik, Zeichnen, Geschichte und auch Turnen. Zu Letzterem wird angemerkt: „Am Nachmittag fleißige Benutzung des Buddelplatzes.“

Nach dem Krieg baufällig

Die Wirtschaftskrise hat zur Folge, dass der Schulbetrieb nicht mehr finanziert werden konnte, die Kassenärztlichen Vereinigungen stellten 1932 ihre Zahlungen ein. Ab 1939 diente das Haus als Kindergarten, war nach Kriegsende erst unbewohnt (oder Flüchtlingsunterkunft?) und wurde 1947 einem Pächter übergeben, der dort eine Geflügelzuchtfarm errichtete. Doch das Haus verfiel zusehends: das Dach war undicht, das Fachwerk marode, die wenigen Öfen nicht brauchbar, Toiletten und Elektrik komplett erneuerungsbedürftig. Die Instandsetzung erfolgte 1949, unter anderem die Volkssolidarität hatte sich sehr für den Betrieb eines Jugend­erholungsheimes eingesetzt.

Bilder

Am 28. Februar 1965 wurde es jedoch ein Raub der Flammen. Simone Habendorf vermutet: „Spielende Kinder kokelten da wohl an der falschen Stelle.“