Stendal l Als der Stendaler Joachim Kraatz kürzlich sein Bildmaterial über den Stendaler Marktplatz archiviert hat, fiel ihm ein Volksstimme-Beitrag von 6. Februar 2015 in die Hände. Darin wurde über den bei Bauarbeiten gefundenen alten Brunnen am Marktplatz, Ecke Brüderstraße, berichtet. Das war für ihn damals keine Überraschung. „Denn auf Postkarten aus der Zeit um 1900 ist an dieser Stelle eine Schwengelpumpe mit zwei Ausläufen zu sehen“, sagt der Hobbyhistoriker und Sammler alter Ansichten. In besagtem Zeitungsbericht war auch die Vermutung geäußert worden, dass auf der anderen Seite, am Kornmarkt, ebenfalls eine Pumpe stand.

Foto entstand vor 1905

Und ja, so war es, wie Joachim Kraatz jetzt mit einer Fotografie belegen kann. Anfang des Jahres hatte er von einem befreundeten Sammler viele alte Fotos von Stendal erworben. Nach und nach hat er sie sich anschaut und in seine Sammlung aufgenommen. „Unter den Fotografien ist auch eine, die tatsächlich eine identische Pumpe auf der Kornmarktseite zeigt“, erklärt der Sammler. Eine solche Aufnahme gebe es nicht einmal im Stadtarchiv – jetzt liegt der bildliche Beweis vor. „Das Foto muss vor 1905 entstanden sein“, sagt Joachim Kraatz, denn durch den Kornmarkt sieht der Betrachter noch den hellen Sockel des Winckelmann-Denkmals. Das wurde aber 1905 zum jetzigen Standort versetzt, aus der fotografierten Perspektive ist es so nicht mehr zu sehen.

Nicht nur am Marktplatz gab es Pumpen. Wie historische Aufnahmen in der Sammlung von Joachim Kraatz zeigen, standen weitere Pumpen zum Beispiel an der Ecke Weberstraße/Brüderstraße (Platz vor dem heutigen Stadtarchiv) und am Winckelmannplatz nahe der Bruchstraße. „Da das Wasserversorgungssystem der Stadt erst im Januar 1902 fertig war, konnten die Bewohner an verschiedenen Stellen Wasser holen“, erklärt der Postkartensammler.

Bilder

Frostschutz im Winter

Beim genauen Betrachten alter Ansichten ist ihm aufgefallen, dass von der Marktplatzpumpe im Winter der Schwengel abgebaut und der untere Bereich als Frostschutz dick eingepackt wurden. Eine Frage, die sich Joachim Kraatz stellt: „Wo haben die Stendaler vor 1902 im Winter ihr Trinkwasser geholt? Schlug man Löcher ins Eis der Uchte, um an Wasser zu kommen? Eine eklige Vorstellung, zumal ja damals vor dem Bau der Kanalisation um 1908 mit dem Regenwasser Asche, Müll und Fäkalien in die Uchtarme gespült wurden.“ Für ihre Eiskeller holten sich Brauereien und wahrscheinlich auch Händler von den überfluteten und gefrorenen Petersberger Wiesen (heute der Stadtsee) Eisblöcke.

Antworten auf die Frage, wo die Stendaler vor dem Bau einer Trinkwasserversorgung ihr Wasser zum Kochen, Trinken und Waschen geholt haben, interessieren Joachim Kraatz sehr. Er würde sich für seine Recherchen über Informationen freuen. Er vermutet, dass es in Stendal mehrere Brunnen in ausreichender Tiefe gab, die nicht einfrieren konnten. Einen solchen alten Ziehbrunnen gab es hinter dem Dom, im sogenannten Garten. „Ich könnte mir vorstellen, dass auch bei anderen Kirchen vergleichbare Brunnen zu finden waren“, so Kraatz.

Buch mit alten Ansichten

Um auch andere an seiner Leidenschaft für das alte Stendal, für unbekannte oder nicht mehr vorhandene Ansichten zu begeistern, hat Joachim Kraatz vor zwei Wochen den zweiten Teil von „Das Stendal unserer Großeltern“ veröffentlicht. Auf 100 Seiten gibt es 170 historische Ansichten, darunter Fotos vom alten Tiergarten vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Ansichten vom Turnverein „Friesen“ beim Sport in der ehemaligen Viehverkaufshalle am Haferbreiter Weg um 1926 und Fotos, die Udo Klinkau im Jahr 1935 persönlich hinter dem Tresen seines Lokals zeigen. Beide Teile von „Das Stendal unserer Großeltern“ sind in der Buchhandlung Genz, in der Winckelmann-Buchhandlung und im Lotto-Geschäft an der Preußenstraße erhältlich.