Stendal/Lemgo l Bei seinen Kollegen war er als Hansdampf in allen Gassen bekannt. Als der, der gern Sonderaufgaben übernommen hat. „Aufgaben, die anders waren, machmal auch schwierig“, sagt Hans-Joachim Wöhlert und steigt gleich ein in die Erinnerung an drei unvergessliche Tage Ende August 1988. Damals war er Taxifahrer beim VEB Kraftverkehr Stendal. Der Meister im Betrieb sprach ihn an und hatte einen ganz speziellen Auftrag: Eine Delegation aus dem nordrhein-westfälischen Lemgo kommt nach Stendal, du bist als Chauffeur für die beiden Bürgermeister eingeteilt, für Reinhard Wilmbusse (SPD) aus Lemgo und Jürgen Mielke (SED) aus Stendal.

„Das Taxi-Schild musste ich vom Fahrzeug abnehmen“, erinnert sich der 79-Jährige. Dass er in Schlips und Anzug zum Dienst kommen musste, hat Hans-Joachim Wöhlert nicht gestört. Ganz im Gegenteil: „Ich wollte ja auch immer ordentlich gekleidet sein.“

Im Wolga GAZ 21 unterwegs

Schon am ersten Tag waren nicht nur seine Fahrkünste gefragt, es gab auch den Auftrag, mal schnell den Stadtführer zu machen. „Dann bin ich mit Herrn Wilmbusse rumgefahren, habe ihm alles erklärt und die Sehenswürdigkeiten gezeigt“, erzählt Hans-Joachim Wöhlert. Danach ging es zurück zum Rat der Stadt, „und für mich hieß es wieder warten, warten, warten. Wie so oft an den Tagen.“ Nachdem er am Abend Stendals Bürgermeister Mielke nach Hause gebracht hatte, schloss sich noch eine Schicht als Taxifahrer an.

Am nächsten Tag ging es zum Mittagessen in die Fritz-Heckert-Gaststätte. „Und ich saß als Fahrer immer mittendrin, habe mich richtig gut mit den Gästen aus Westdeutschland unterhalten. Es waren sehr interessante Gespräche, die Lemgoer waren sehr interessiert“, berichtet der Stendaler.

Oft sei er im Gespräch gefragt worden, ob er Funktionär sei oder welche Stellung er bekleide. „Ich bin nur der Fahrer, kein Stadtangestellter“, versicherte er seinem Gegenüber. Am Nachmittag dieses zweiten Besuchstages hat er seine Gäste im Wolga GAZ 21 „über die Dörfer“ chauffiert, zum Volksgut Wittenmoor, zur Milchviehanlage Lindtorf, zur Saatzucht nach Möringen und zur KKW-Baustelle bei Arneburg. Weil er dort jemanden kannte – wie gesagt: Hansdampf in allen Gassen –, ließ sich kurzfristig eine Besichtigung organisieren.

Während er die Bürgermeister an Bord hatte (Wöhlert: „Beide haben sich untereinander immer sehr korrekt verhalten“, das Miteinander sei ungezwungen und freundschaftlich gewesen), fuhren die anderen Delegationsmitglieder mit einem kleinen Bus hinterher.

Am Abend wurde dann im Theatercafé die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages gefeiert. Etwa 40 Personen hatten sich in der geselligen Runde eingefunden, „um die Partnerschaft ordentlich zu begießen“. Und Hans-Joachim Wöhlert wieder mittendrin. „Die Stimmung war richtig gut. Auf dem Flur kam mir später jemand entgegen und drückte mir ein Paket in die Hand mit den Worten: ‚Nimm mal hin, das ist ein Geschenk unserer Stadt. Du weißt doch am besten, wem du es geben kannst.‘“ Wöhlert bedankte sich herzlich, verstaute den Karton im Wolga. Im Karton waren sechs Bierkrüge mit der Aufschrift „Lemgo ist schön“, dem Wappen und einer Ansicht der Altstadt.

Am nächsten Tag berichtete er dem Stendaler Bürgermeister davon. Nur ihm, unter vier Augen, denn zu dieser Zeit wurde die Annahme von Westgeschenken nicht von jedem DDR-Offiziellen wohlwollend gesehen. Der Bürgermeister habe aber nur mit den Worten „Behalt das doch“ und der Empfehlung, nicht darüber zu reden, reagiert, erinnert sich der Stendaler. Darum stehen seit drei Jahrzehnten drei der Bierkrüge im Hause Wöhlert. Die anderen hatte er damals dem Fahrer des Busses gegeben.

Und dann kam der Abschlussabend. „Wir kannten uns ja inzwischen schon besser, darum wurden auch ordentlich Witze erzählt“, blickt der 79-Jährige zurück. Und er weiß auch noch, welchen Witz er zum Besten gegeben hat: „Der Staatsratsvorsitzende hat sich beide Arme gebrochen. Warum? Er ist in eine Versorgungslücke gefallen.“ In der Runde kam der gut an, wohl aber nicht bei jedem der Offiziellen aus Stendal. Denn am nächsten Tag musste Hans-Joachim Wöhlert zurück in den Taxidienst. „Die Lemgoer waren aber noch da, ich hätte sie sehr gern zur Grenze begleitet“, sagt der Stendaler. Er vermutet, dass die Witze und das lockere Miteinander am Vorabend der Grund für den abrupten Abbruch des Auftrages gewesen sein könnten.

Mit Festveranstaltung gefeiert

Seit dieser Begegnung im August 1988 war es immer Hans-Joachim Wöhlerts Wunsch, einmal selbst mit dem Auto in die lippische Partnerstadt zu fahren. Sollte es dazu kommen, dann will er einen der Bierkrüge einpacken und dem Bürgermeister der Alten Hansestadt – aktuell ist das Reiner Austermann (CDU) – zeigen.