Stendal l „Wir werden ein ganzes Jahr lang vom Leben abgeschnitten“, bringt Wilfried Günther seinen Ärger auf den Punkt. Denn was den Anliegern der Georgenstraße abverlangt wird, macht den Alltag für den 75-Jährigen richtig schwierig. Aus gesundheitlichen Gründen – zwei künstliche Hüftgelenke, drei gebrochene Wirbel – ist er beim Gehen auf Unterarmstützen angewiesen. „Wie soll ich denn mit der Gehhilfe meine Einkäufe und Getränkekisten zum Haus bringen?“, fragt sich Wilfried Günther. Denn sein Auto müsste er in der Fichtestraße, der Yorckstraße, der Blücherstraße oder auf dem Parkplatz an der Uenglinger Straße (Friedhof) abstellen.

Das jedenfalls bietet die Stadtverwaltung den Anliegern an. Von den Parkplätzen – einen zu finden wird auch nicht immer einfach sein – bis zu seinem Haus an der Georgenstraße 21 ist es ein ordentliches Stück. „So weit kann ich schwere Sachen nicht tragen“, sagt der 75-Jährige. Bei kürzeren Straßen – die jüngst ausgebaute Haackestraße ist rund 200 Meter lang – möge dieses Verfahren ja noch funktionieren, für die deutlich längere Georgenstraße sieht er das nicht.

Gehweg auf anderer Straßenseite

Auch in anderer Richtung hätte er gelegentlich größere Gewichte zu tragen: seine vielen Ordner mit historischen Postkarten. Denn Wilfried Günther ist leidenschaftlicher Sammler, ist regelmäßig auf Messen und Tauschbörsen präsent, besucht Veranstaltungen befreundeter Vereine. „Darauf muss ich dann wohl auch verzichten“, sagt der Stendaler und wiederholt seinen Vorwurf, ein ganzes Jahr lang vom Leben abgeschnitten zu sein. Denn auch seinem Hobby könne er mit dieser Verkehrseinschränkung nicht wie gewohnt nachgehen.

Am 14. Mai soll der grundhafte Ausbau der Georgenstraße beginnen, das Bauende ist für den 30. Mai 2019 vorgesehen. Im ersten Abschnitt wird zwischen Uenglinger Straße und Martinstraße auf einer Länge von zirka 470 Metern gearbeitet, daran schließen sich dann die restlichen 180 Meter von der Martinstraße bis etwa 20 Meter vor der Bahnunterführung an.

Die Passage im Anliegerinformationsblatt, die bei Wilfried Günther und anderen Anwohnern für großen Unmut sorgt, lautet: „Das Befahren und das Parken ist für Bewohner und Anlieger generell nicht möglich. Die Grundstücke sind nur fußläufig zu erreichen.“ Das gilt für die Hauseigentümer und Mieter, aber auch für andere, die dort zu tun haben. „Die Physiotherapie kommt nicht ans Haus, auch Handwerker können mit ihrem Material nicht heranfahren“, nennt der 75-Jährige, der in der Georgenstraße geboren worden ist und „dort jeden Pflasterstein kennt“, weitere Beispiele. Und mit Blick auf seine eigene Krankengeschichte fällt ihm noch eines ein: „Was ist denn, wenn ich mal den Rettungsdienst rufen muss?“ Eine Frage, die sich seiner Meinung nach viele der älteren Nachbarn stellen würden.

Die menschliche Seite

Einige dieser Dinge habe er auch schon während der Einwohnerversammlung angesprochen. Dass die Verwaltung darauf verweist, juristisch auf der sicheren Seite zu sein, habe er vernommen, „aber wo ist die menschliche Seite?“ In diese Frage schließt er auch die anstehenden hohen Anliegerbeiträge ein.

Der schlechte Zustand der Georgenstraße ist seit vielen Jahren, auch in der Kommunalpolitik, ein Thema. Dass sie endlich in Angriff genommen wird, sorgt darum bei vielen für Freude. Aus Sicht von Wilfried Günther bringe der Ausbau aber nicht nur Verbesserungen. Derzeit gibt es auf der Seite der Wohnbebauung noch einen breiten unbefestigten, fast durchgehenden Streifen, der zum Parken genutzt wird. Mit dem Ausbau verschwindet der jetzige Gehweg an der Friedhofsmauer, an den Wohngrundstücken entsteht ein neuer Gehweg, zu dem ein Sicherheitsstreifen gehört. Das Parken ist dann dort möglich, wo die Straße die maximal mögliche Breite hat. Auf Vorschlag von Anliegern war die Planung nachgebessert und dort, wo es möglich ist, die Fahrbahn von 5 auf 5,50 Meter verbreitert worden.