Stendal l Dass wir uns auch bald 90 Jahre nach Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland mit deren Hintergründen und Folgen, mit Rassismus und Ausgrenzung beschäftigen sollten und müssen, steht für die Akteure der Reihe „Denken ohne Geländer“ außer Frage. Katrin Reimer-Gordinskaya, Stendaler Hochschulprofessorin, genügen dafür zwei Negativbeispiele aus jüngerer Zeit: der antisemitische, terroristische Anschlag von Halle und eine revisionistische Rede des AfD-Politikers Björn Höcke.

Bedarf ist da

Und was die Organisatoren von „Denken ohne Geländer“ nun zum fünften Mal anbieten, ist keineswegs aufgezwungenes Erinnern und Mahnen. „Der Bedarf, sich damit zu beschäftigen, ist bei Jung und Alt da“, stellt Reimer-Gordinskaya fest, was TdA-Intendant Wolf E. Rahlfs angesichts der quantitativen Resonanz nur bestätigen kann: „Die Besucherzahlen haben sich von 2016 bis 2019 verdoppelt, was uns zeigt, dass die Gesellschaft solche Räume braucht, in denen sie sich trifft und Diskurse führt.“ Er sieht in der Veranstaltungsreihe, die sich rund um den 27. Januar als Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz zusammenfügt, frei nach Schiller auch eine Möglichkeit, „den Menschen mit seiner Fähigkeit, frei zu denken, zu konfrontieren“.

Ein festes Muster gebe es dafür freilich nicht, ganz im Sinne der von der philosophischen Publizistin Hannah Arendt entlehnten Formulierung „Denken ohne Geländer“. Und dabei müsse sich, so Katrin Reimer-Gordinskaya, „jede Generation Formen des Gedenkens neu erarbeiten“.

Finanzierung zu vage

Wie dieses Erinnern, Gedenken und Nachdenken und das daraus resultierende Handeln aussehen können, dazu gibt das dichtgepackte Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen, Lesungen, Filmen, Theaterstücken und Workshops ausreichend Anregungen. Und dabei geht es längst nicht nur um den Blick zurück, sondern ganz dezidiert auch aufs Heute, wobei sich zum Beispiel Verschränkungen hinsichtlich von Flucht und Vertreibung finden.

Aus Sicht Martin Hanuschs von der Landeszentrale für politische Bildung ist das Format mit seiner Vielzahl zivilgesellschaftlicher Akteure „einzigartig und unterstützenswert“, auch weil es ganz verschiedene Zielgruppen anspreche und dazu beitrage, Demokratiebildung voranzubringen.

Veranstalter sind die Hochschule Magdeburg-Stendal, das Theater der Altmark und die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, Geld kommt vom Landesprogramm „Demokratie, Vielfalt und Weltoffenheit“, der Bürgerstiftung Stendal sowie den Partnerschaften für Demokratie der Hansestadt Stendal und des Landkreises Stendal. Wwährend es an Resonanz und Wertschätzung nicht mangelt, gebe es laut Hauptorganisatorin Aud Merkel einen dringlichen Wunsch: „eine stetige, zugesagte, planbare Finanzierung“.