Stendal l Der jüngste Zuwachs ist sehr schüchtern und steht noch auf wackligen Beinen. Keinen Zentimeter weicht das kleine Alpaka-Mädchen von der Seite seiner Mutter – und mag das Blitzlichtgewitter beim Pressebesuch nicht wirklich. Am 14. Dezember hat es das Licht der Welt im Tiergarten in Stendal erblickt. „Einen Namen erhält es noch, dafür sind unsere Auszubildenden zuständig“, sagt Anne-Katrin Schulze.

Für die Leiterin des Tiergartens sei diese Geburt eher eine Überraschung gewesen. „Wir hatten nicht vermutet, dass es der Hengst schon drauf hat“, sagt die 58-Jährige auf ihre trocken-humorige Art. Seit 1994 ist die ausgebildete Tierpflegerin in Stendal tätig, seit 2001 in leitender Funktion. Dem Alpaka-Nachwuchs samt Muttertier gehört zurzeit ihre ganze Aufmerksamkeit, zumal die Stute eine Erstgebärende ist. „Sie ist ziemlich verwirrt und muss noch lernen, was es heißt, Mama zu sein.“

Extra-Streicheleinheit für Kameldame

Im Stall nebenan, bei den Kamelen, bekommt Amöna eine Extra-Streicheleinheit. „Das ist mein Liebling“, sagt Anne-Katrin Schulze und berichtet von der dramatischen Zeit, als sie geboren wurde, ihre Mutter sie nicht annehmen wollte und die Kleine heftig getreten habe. Die Tierpflegerin und Kollegen hätten sich Nächte um die Ohren geschlagen, um das Fohlen zu retten. Als hätte die mittlerweile in die Jahre gekommene Kameldame alles verstanden, räuspert sich das Tier und scharrt mit einem Huf. „Wir verstehen uns“, sagt die Chefin und setzt ihren Rundgang fort.

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Auf der sechs Hektar großen idyllisch gelegenen Oase am Stadtsee in Stendal leben zurzeit rund 400 Tiere, in den Sommermonaten seien es mehr als 450. Der Grund: Zahlreiche Jungtiere werden abgegeben, an andere Zoos in Europa, einige wenige an Privatpersonen. Der Stendaler Tiergarten ist Mitglied der Deutschen Tiergartengesellschaft, über die der Tausch – zum Beispiel von Totenkopfäffchen, Damwild oder auch Wildschweinen – organisiert werde.

An Silvesterfeuerwerk gewöhnt

Die Vielfalt leide darunter nicht, 73 Tierarten haben in Stendal ein Zuhause, werden von 13 Mitarbeitern einschließlich der Leiterin und der zwei Auszubildenden betreut. Rund um die Uhr das ganze Jahr über. Somit sei der Jahreswechsel fließend. Besondere Vorkehrungen für die Silvesternacht werden nicht getroffen. „Die meisten Tiere sind es gewöhnt, dass es knallt und lauter ist als sonst“, sagt Anne-Katrin Schulze. Es werde darauf geachtet, dass die Tiere Freilauf haben, also nicht eingesperrt sind. „So können sie ihren Stress abbauen“, begründet die Leiterin. Das gelte selbst für die Sibirischen Tiger.

Vor zwei Jahren sei gut Gemeintes nicht gut gewesen, als die Großkatzen eingesperrt wurden. „Das hatte sich nicht bewährt, der Tiger hat seinen ganzen Frust am Mobiliar ausgelassen, die Liege von der Wand gerissen und sie völlig auseinander genommen.“ Somit werden diesmal Buran und Taina wie alle anderen Fluchttiere zum Jahreswechsel auf sogenanntem Durchlauf bleiben. „Die Affen hingegen haben ihr schützendes Haus. Den Bär stört ein Feuerwerk sowieso nicht, er hält Winterschlaf in seiner Höhle.“

Kindergeburtstag und Picknick

Pünktlich um 10 Uhr wird am Neujahrsmorgen wieder der Tiergarten öffnen und die Besucher empfangen. In dieser Hinsicht sei 2019 ein gutes Jahr gewesen. „Wir werden wie schon 2018 erneut mehr als 71.000 Besucher registrieren“, sagt Anne-Katrin Schulze. Gerade zu den Weihnachtsfeiertagen habe noch einmal ein Boom eingesetzt. „Die Stendaler lieben ihren Tiergarten.“ So würde für viele, die nicht mehr in der Hansestadt wohnen und zu Gast sind, ein Spaziergang durch den Tiergarten zum Muss gehören.

Über das Jahr gebe es reichlich Stammpublikum sowie viele Familien, die im Tiergarten einen Kindergeburtstag feiern oder mit Freunden picknicken. „Uns ist das Wohl der Tiere ebenso wichtig wie das Wohl der Leute, die hier zu uns kommen.“

Matschstraße für den Spielplatz

Die jüngsten Besucher liegen Anne-Katrin Schulze besonders am Herzen. Deshalb leite sie gern selbst die Führungen für Schulklassen und begebe sich mit ihnen auf Spurensuche in den Tigerwald. „Es ist schön, die Begeisterung und Freude der Kinder bei den Entdeckungen im Park zu erleben.“ Diese Führungen enden auf dem Spielplatz, für den sich die Chefin eine Neuerung wünscht. „Eine Matschstraße bietet sich an, gerade in den heißen Monaten.“ Trotz der Hitze sei der Tiergarten im Sommer gut besucht gewesen. Bäumen spenden nämlich ausreichend Schatten.

Davon profitieren auch die Tiere. Für einige von ihnen wird sich ihr Umfeld im neuen Jahr verbessern. Mit Unterstützung des Fördervereins und Lotto-Toto soll das Gehege für die Schneeeulen erweitert werden. Mit der Realisierung müssten dann die Käuzchen umgesiedelt werden. Wie ihr neuer Lebensbereich im Tiergarten aussehen sollte, „das habe ich genau vor Augen“, sagt Anne-Katrin Schulze.

Hoffen auf den Kiosk-Neubau

Wünschenswert sei auch, dass sich wieder viele Tierpaten finden und der neue Kiosk gebaut werde. Für Letzteres sei „sicher noch Geduld gefragt“, weil für die Stadt als Träger des Tiergartens andere Aufgaben wie Theater-Sanierung, Grundschul- und Kita-Bau Priorität hätten. So werde die Versorgung der Besucher wohl noch eine weitere Saison von einer Ersatzhütte aus erfolgen.

Insgesamt sind im Tiergarten Stendal 73 Tierarten beheimatet, davon 37 Säugetierarten, 27 Vogelarten, 6 Reptilienarten, 2 Fischarten und 1 Insektenart. Den Förderverein Tiergartenfreunde Stendal gibt es seit 1995. Vorsitzender ist derzeit Dr. Uwe Donner. Der Verein unterstützt durch die Akquise von finanziellen Mitteln. Mit dem Geld wie auch mit Spenden von Lotto-Toto können Bauvorhaben realisiert und Großprojekte unter der Regie der Stadt Stendal unterstützt werden. Der Jahresbeitrag beträgt für Erwachsene 12 Euro, für Firmen 26 Euro sowie für Auszubildende, Arbeitslose und Rentner 5 Euro.

Tierpatenschaften

Unterstützung leisten auch die Paten mit ihrer freiwilligen, finanziellen Zuwendung für ein Tier nach freier Wahl. Der Beitrag bezieht sich auf ein Jahr und kostet 25 Euro für Landschildkröte, Meerschweinchen, Wellensittich, Kaninchen, Mäusebussard, Degu, Roter Milan, Rohrweihe und Goldfasan; 30 Euro für Weißstorch, Uhu, Zwergziege, Quessantschaf, Minischwein, Nerz, Stachelschwein Bartagame, Gelbbrustara und Eichhörnchen; 50 Euro für Waschbär, Nasenbär, Rotfuchs, Steppenfuchs, Damwild, Wildschwein, Schnee-Eule, Kakadu, Amazone, Mufflon und Turmfalke; 70 Euro für Rotbauchtamarin, Shetlandpony, Erdmännchen und Nandu; 95 Euro für Wildkatze, Totenkopfäffchen und Kornnatter.

100 Euro beträgt der Patenschaftsbeitrag für Lama, Alpaka, Nordluchs, Hausesel, Servale und Lewitzschecke; 125 Euro für Trampeltier, Bartaffe, Mantelpavian und Kapuzineraffe sowie
150 Euro für Schwarzbär, Sibirischer Tiger und Wolf. Kontakt für Interessenten: Tiergarten Stendal, Uchtewall 11, 39576 Hansestadt Stendal, Telefon: 03931/41 78 46.