Stendal l Auf dem Bürgersteig vorm Ramelow-Kaufhaus stehen fünf Kerzen, einige Blumen liegen daneben und ein Zettel: „Meiner lieben Marlies zum 82.“ Eine Frau kommt vorbei, sie schimpft. „Warum musste es soweit kommen?“, fragt sie. Früher habe es einen Zebrastreifen dort gegeben. „Warum ist der nicht mehr da?“ Vielen Leute, die die Bruchstraße überqueren, ist anzusehen, dass sie äußerst aufmerksam die Straßenseiten wechseln und sich teilweise mehrfach umsehen.

Der furchtbare Unfall, der sich am Freitagmorgen an dieser Stelle um 11.08 Uhr ereignet hat, ist auch nach dem Pfingstwochenende noch wichtigstes Gesprächsthema in der Stadt. Eine 81-jährige Frau wurde von einem Ups-Paketzustellerwagen erfasst und tödlich verletzt. Die Frau hatte vom Kaufhaus Ramleow aus die Bruchstraße Richtung Winckelmann-Platz überqueren wollen. Der Paketzusteller kam aus der nördlichen Breiten Straße und bog nach links in die Bruchstraße ein.

Fahrtenschreiber wurde ausgewertet

In ersten Reaktionen insbesondere in den sozialen Netzwerken wurde die Vermutung geäußert, dass der Zusteller zu schnell unterwegs war. Zulässig sind in dem Kreuzungsbereich lediglich 20 km/h. „Die Geschwindigkeit ist elementarer Bestandteil unserer Untersuchungen“, sagte Polizeisprecher Marco Neiß am Dienstag auf Anfrage zur Unfallursache. Allerdings habe die Auswertung des Fahrtenschreibers keine überhöhte Geschwindigkeit ergeben.

Es seien jedoch weitere Untersuchungen und Befragungen notwendig. So habe der 33-jährige Unfallfahrer bis gestern noch nicht vernommen werden können. „Es gab lediglich unmittelbar nach dem Unfall ein kurzes Gespräch“, sagte Neiß. Der Mann wurde mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert. Nach Informationen der Volksstimme wies der Fahrtenschreiber eine Geschwindigkeit von 22 km/h aus. Neben der Geschwindigkeit kann auch eine Rolle beim Unfall gespielt haben, dass der Fahrer möglicherweise abgelenkt war, wie der Polizeisprecher sagt.

Der Unfallort war am Freitag rund vier Stunden voll gesperrt gewesen, da ein Gutachter hinzugezogen wurde, der den Unfall rekonstruierte. Ob die Frau obduziert werden muss, um Weiteres zum Hergang zu erfahren, stand am Dienstag noch nicht fest. Die Polizei ermittelt noch, der Fall könnte aber schon bald an die Staatsanwaltschaft gehen, wenn der Tatbestand fahrlässige Tötung vermutet wird.

Landkreis untersagte Zebrastreifen

Auch im Rathaus wurde der Unfall am Dienstag ausgewertet und Akten gewälzt, um nachzuvollziehen, warum der Zebrastreifen 2010 mit der grundhaften Sanierung der Bruchstraße verschwunden ist. Bereits seit 2006 gilt an der Kreuzung eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h.

Die Verkehrsbehörde des Landkreises hatte am 17. März 2011 die Hansestadt Stendal angewiesen, keinen Fußgängerüberweg einzurichten, wie Stadtsprecher Klaus Ortmann auf Nachfrage mitteilt. Aus diesem Grund kassierte Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) vor fünf Jahren einen Stadtratsbeschluss vom 27. Februar 2012, der eine Wiedereinrichtung eines Fußgängerüberweges vorsah. Der Stadtrat habe nicht die Befugnis zu der Entscheidung gehabt, da der Landkreis etwas anderes verfügt hatte.

Forderung nach Zebrastreifen

Stadtrat Marcus Faber (FDP) hatte nur wenige Stunden nach dem Unfall am Freitag eine Pressemitteilung versandt, in der er darauf verwies, dass er seit fünf Jahren an der Stelle einen Zebrastreifen fordere. „Die Verkehrssituation vor Ort ist einfach zu unübersichtlich – besonders für ältere Menschen und Familien mit Kindern.“ Auch nach Ansicht von Katrin Kunert (Linke) müsse dort etwas passieren. „Wenn es dafür erforderlich ist, die zulässige Geschwindigkeit auf 30 km/h zu erhöhen, um einen Fußgängerüberweg zu schaffen, muss man uns das von der Verwaltung sagen.“ Marcus Graubner, Vorsitzender des Kreisbehindertenverbandes, sagt: „Es muss dringend etwas passieren. Jetzt muss zusammen überlegt werden, wie Abhilfe geschaffen werden kann.“

Kurzfristig wird es an der Kreuzung allerdings keine Änderung geben, teilte die Verwaltung mit. Unter anderem stehe noch das Ergebnis der Unfallursachenermittlung aus. Die Kreuzung ist ohnehin kein Unfallschwerpunkt. Seit dem 1. Januar 2012 hatte es bis Freitag lediglich vier Auffahrunfälle ohne verletzte Personen gegeben.