Stendal l Es ist ein bislang beispielloser Vorfall, der sich vor knapp vier Wochen im Stendaler Rathaus zugetragen hat. Am 19. September 2020 betritt ein 45-jähriger Mann in der Mittagszeit die im Erdgeschoss des historischen Gebäudes angesiedelte Tourist-Information. Über die Sehenswürdigkeiten der Stadt möchte er sich jedoch nicht informieren. Stattdessen spricht der verwirrt wirkende Mann davon, seine Wohnung verloren zu haben. Quasi als Entschädigung fordert er von den anwesenden Mitarbeitern der Stadtverwaltung Geld. Sollten sie seiner Forderung nicht nachkommen, droht er, ein Beil aus seinem Rucksack zu ziehen.

Polizei findet Axt und mehrere Messer

Stadtsprecher Armin Fischbach bestätigt das Geschehen auf Nachfrage der Volksstimme. Demnach habe die diensthabende Mitarbeiterin die heikle Situation entschärft, indem sie dem Mann einen Zehn-Euro-Schein aus eigener Tasche gab und damit deeskalierend auf den Mann einwirkte. Anschließend rief die Frau umgehend die Polizei und setzte ihre Vorgesetzten in Kenntnis. „Die Kollegin hat überaus souverän reagiert“, schätzt der Stadtsprecher ein. In Folge des Vorfalls sei sie aber derzeit vom Dienst freigestellt.

Die Beamten griffen den Mann nach kurzer Fahndung auf, fanden in seinem Rucksack tatsächlich mehrere Messer und ein Beil. Offenbar leidet der Täter unter psychischen Problemen. Ersten Erkenntnissen zufolge war er bereits im Fachklinikum Uchtspringe zur Behandlung. Die Stadt habe umgehend eine Anzeige gegen ihn erstattet, teilt Armin Fischbach mit.

Konsequenzen nach Beil-Attacke

Derweil zieht die Stadtverwaltung erste Konsequenzen, damit sich Ähnliches in der Zukunft nicht wiederholt. Aufgrund der Corona-Pandemie sei schon seit einigen Monaten an einem neuen Raumkonzept gearbeitet worden, um der aktuellen und auch potenziellen Krisen besser begegnen zu können, sagt Armin Fischbach mit. „Durch diesen Vorfall wird die Planung nun nochmal aus weiteren Perspektiven beleuchtet und falls nötig überarbeitet“, so der Stadtsprecher. Dabei soll auch die Polizei einbezogen werden. Momentan befinde man sich in der Analysephase.

Ob künftig die Zahl der Mitarbeiter in der Tourist-Info erhöht wird, bleibt jedoch fraglich: „Da bei dem Vorfall bereits zwei Personen im Raum waren, lässt sich schwer sagen, ob ein erhöhter Personaleinsatz in dieser Angelegenheit wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.“ Das für die Tourist-Info zuständige Veranstaltungsmanagement der Stadt würde sich in der Angelegenheit mit anderen Verwaltungseinheiten abstimmen.

Mehr Schulungen fürs Personal geplant

Klar ist aber, dass die Mitarbeiter der Stadtverwaltung noch besser auf Gewalt- und Notsituationen vorbereitet werden. Bislang lag der Fokus dabei auf dem Ordnungsamt, dessen Personal regelmäßig dahingehend geschult wurde. „Künftig wird dies wohl noch regelmäßiger geschehen und auf andere Ämter ausgeweitet“, kündigt Armin Fischbach an.

Über die Angelegenheit schwieg sich die Stadt zunächst aus. Erst auf eine Presse-Nachfrage in der vergangenen Woche rückte sie mit den Details raus. Armin Fischbach verweist darauf, dass es nicht Sache der Opfer sei, im Falle einer Straftat aktiv auf sich aufmerksam zu machen: „Ich sehe keinen Grund, warum dies für eine Kommune nicht ebenso gelten sollte.“