Stendal l Weihnachten – die Zeit, um das familiäre Beisammensein zu genießen: gemeinsam in Ruhe speisen, gemeinsam im Gespräch zusammenfinden, gemeinsam am Weihnachtsbaum Lieder singen, sich beschenken, sich besuchen... Für Trauernde aber ist Weihnachten womöglich die schwerste Zeit des Jahres – nichts ist mehr gemeinsam. Weil da jemand einfach nicht mehr da ist. Gestorben ist. Weihnachten zum ersten Mal ohne den Partner, ohne das Kind, den Bruder oder die Schwester...

„Gerade in dieser Zeit ist es besonders wichtig, für Trauernde da zu sein, oder zumindest zu signalisieren: Ich denk an dich, ich bin da für dich, wenn du mich brauchst.“ Susanne Kanemeier sagt dies mit empathischem Ernst, denn aus ihrer Erfahrung im Trauercafé und in der Trauerbegleitung, als Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Stendal, weiß sie, wie es Trauernden eben in dieser so auf Familie, Harmonie und Beisammensein geeichten Zeit geht.

"Gibt kein Richtig und kein Falsch"

Trauer erwischt jeden kalt. Nicht nur die direkten Angehörigen, auch das Umfeld. Und jeder ist davon überfordert. Das sollte man als gegeben nehmen. Um dann zu versuchen, einen Umgang mit dem Todesfall, mit der Trauer, mit der Unsicherheit zu finden. Und das ist nicht einfach. „Es gibt kein Richtig und kein Falsch“, sagt Kanemeier und weiß, dass das für viele sicher nicht die erhoffte Antwort ist. „Jeder Fall ist individuell, die Bedürfnisse sind individuell, da gibt es keine Handlungsanleitung.“

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Die Schwierigkeit liegt wohl darin, dass niemand nachvollziehen kann, wie es im Inneren der Trauernden aussieht. „Einerseits sehnen sie sich nach Nähe, andererseits ist diese Nähe aber auch schwer zu ertragen.“ In dem einen Moment kann es so sein, im anderen wieder anders. Daher sei es eigentlich immer ein guter Anfang zu fragen: Wie geht‘s dir eigentlich? „Und dann merken Sie ja, ob jemand gerade gesprächsbereit ist oder nicht.“ Fragen sollte man auf jeden Fall, denn zu erfühlen ist die Gemütslage des Gegenübers nur schwer.

Trauernde spüren die Unsicherheit

Was die Sache verkompliziert, ist, dass „diejenigen, die trauern, sehr viel mehr von ihrem Umfeld wahrnehmen, als man denkt. Sie sind sehr sensibel dafür, dass die anderen um sie herum unsicher sind.“ Darum raten sie Trauernden auch, sich möglichst konkret dem Umfeld mitzuteilen und zu artikulieren, was sie brauchen. Aber erwarten könne man es von ihnen dennoch nicht.

Auch Thomas Rehbein, der seit 2016 den Ambulanten Hospizdienst und das Trauercafé in Gardelegen koordiniert, hat solcherlei Erfahrungen mit Trauernden schon gemacht. „Das Falscheste ist, das Thema bewusst zu vermeiden oder zu verdrängen oder bei zufälligen Begegnungen die Straßenseite zu wechseln. Trauernde wollen angesprochen werden.“ Ganz wichtig sei es, dem anderen seine Trauer zuzugestehen, sie ihm nicht anzulasten. „Der Verlust eines nahestehenden Menschen kann nach fünf oder sieben Jahren noch genauso schmerzhaft sein. Man muss den anderen einfach lassen, wie er ist. Bei Trauer gibt es kein Normal oder Unnormal.“

Hohe Erwartungen und Ängste

Im Trauercafé oder auch in Gesprächen wie diesem mit der Volksstimme wirken die Hospiz-Mitarbeiter sehr versiert und rational-bewusst im Umgang mit Trauer, Tod und Trost. Aber vielleicht hilft es zu wissen, dass auch sie einen Todesfall im privaten Umfeld nicht so einfach wegstecken. „Wir leihen anderen gut ein Ohr und können Ratschläge geben und Hilfsangebote vermitteln“, sagt Susanne Kanemeier nachdenklich, „aber in dem Moment, wo man selbst betroffen ist, hilft einem auch unsere ganze Professionalität nicht.“ Thomas Rehbein kann das nur bestätigen: „Ich fühle mich nicht so, dass ich in jedem Moment das richtige Wort finde.“

Deshalb können beide nur zu gut verstehen, dass sich Angehörige ebenso überfordert und hilflos fühlen. Wenn der Tod ins Leben funkt, dann scheinen sich hohe Erwartungen aufzubauen, aber auch Ängste. Der Trauernde wird plötzlich als ein anderer Mensch wahrgenommen, Bemerkungen und Handlungen oder auch ausbleibende Reaktionen und Kontaktablehnung werden überinterpretiert und persönlich genommen.

Der Schmerz wird bleiben

Diesen Überfall verquerer Emotionen und die plötzlich hohe Erwartungshaltung an sich selbst sollte man zu nivellieren versuchen. Kanemeier weiß: „Die meisten Menschen, die trauern, wünschen sich, dass normal mit ihnen umgegangen wird.“ „Und dass sie in ihrer Trauer akzeptiert werden“, ergänzt Rehbein. Vielleicht hält die Trauer sogar ein Leben lang an – der Schmerz ganz gewiss. „Insbesondere bei Eltern, die ein Kind verloren haben“, gibt Rehbein Erfahrungen aus dem Trauernetzwerk wieder. „Auch wenn der Schmerz sich verändert – er bleibt.“

Aber was nun, wenn man selbst gar nicht so sehr tiefe Trauer spürt oder nach ein paar Tagen, nach dem ersten Schock und der ersten, ehrlichen Bewegtheit für einen selbst als Außenstehenden alles wieder normal ist, der Alltag weitergeht, man sich den eigenen Dingen zuwendet? „Wenn die Trauer nicht da ist, sollte man sie auch nicht vorspielen“, rät Kanemeier, „nichts ist wichtiger als Ehrlichkeit. Trauernde sind so sensibel, dass sie das ohnehin spüren würden.“

Wichtig ist: Miteinander reden

Und nicht immer muss es der engere Familienkreis sein, der für die Trauernden als erster Ansprechpartner wahrgenommen wird. „Auch wenn man sonst immer füreinander da ist, kann ein Freund in dieser Situation auf einmal viel näher sein“, sagt Thomas Rehbein. Wichtig ist und bleibt: „Miteinander reden. Und akzeptieren, wenn der Trauernde immer mal wieder auf Abstand geht.“

Sich in seiner Zuwendung nicht entmutigen lassen – das ist auch so eine Erfahrung, die Kanemeier und Rehbein aus den Trauercafés ziehen. Sie denken an einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau von den Nachbarn mehrmals zum Kaffee eingeladen wurde. Er lehnte immer ab. Die Nachbarn nahmen es nicht persönlich, boten ihm immer mal wieder ein Treffen an. Bis er eines Tages innerlich selbst soweit war – und sich zutiefst freute, dass die Nachbarn ihn immer noch gern zu sich einluden.

Trauercafé-Termine

Die nächsten Termine fürs Trauercafé (hier kommen Trauernde und ihre Angehörigen mit qualifizierten Trauerbegleitern in kleiner Runde ins Gespräch): in Stendal am Montag, 18. Dezember, um 15 Uhr im Ambulanten Hospiz (Wendstr. 14), Anmeldung unter Tel. 03931/21 83 38; in Gardelegen am Mittwoch, 20. Dezember, um 15 Uhr im Sozialkulturellen Zentrum („Rosencenter“), Anmeldung unter Tel. 03907/779 60 20.

Weitere Informationen über die Arbeit des Trauernetzwerks und des Hospizes findet man im Internet unter www.hospiz-stendal.de