Stendal l Das Amtsgericht Stendal hat jüngst nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ einen 29-jährigen Stendaler vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit freigesprochen. Weil aber auch noch versucht hatte, zwei Polizeibeamte zu treten, wurde er wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Geldstrafe von 500 Euro verurteilt.

Der Angeklagte war beschuldigt worden, am späten Abend des 11. Oktober vorigen Jahres, auf einen Nachbarn, mit dem er erst zusammen getrunken und sich dann gestritten hatte, mehrfach eine volle Flasche gegen den Kopf geschlagen zu haben. Dabei hatte er laut rechtsmedizinischem Gutachten mindestens 2,87 Promille Alkohol im Blut und stand zudem unter Einfluss von Rauschgift.

Offene Wunden

Das gab der Angeklagte auch sofort zu. Er berief sich auf Notwehr, weil ihn der Mitzecher zuvor gewürgt hätte. Wer mit den Tätlichkeiten anfing, wisse er nicht mehr. In seiner Not hätte er eine herumstehende volle Flasche „Hugo“, ein alkoholisches Mix-Getränk, gegriffen und damit zugeschlagen.

Der Kontrahent trug laut Attest des Johanniter-Krankenhauses in Stendal recht schwere Kopfverletzungen davon. Unter anderen wies das Opfer zwei jeweils sechs Zentimeter lange offene Wunden an der Schläfe auf, die massiv geblutet hatten. Zwei Tage war das Opfer in stationärer Behandlung.

Opfer mit einem Filmriss

Im Streit soll es um die Lebensgefährtin des Angeklagten gegangen sein. Der Mitzecher, also das spätere Opfer, hätte zu ihm gesagt, dass er sie „poppen“ wolle. Das 49-jährige Opfer, nach eigenen Angaben ein trockener Alkoholiker, sagte als Zeuge aus, dass er sich an überhaupt nichts erinnern könne. Er berief sich auf einen „Filmriss“, den er infolge des Alkoholrückfalls erlitten haben will. Er sei in seiner Wohnung in einer großen Blutlache aufgewacht. Bei ihm wurde im Krankenhaus ein Blutalkoholwert von 2,12 Promille festgestellt.

Die 25-jährige Freundin bestätigte im Wesentlichen die Angaben des Angeklagten zum Tatablauf, wobei die Vorsitzende des Schöffengerichts, Richterin Petra Ludwig, offensichtlich ihre Zweifel hatte. „Sind Sie sicher, dass das alles so war?“ In der Urteilsbegründung sagte Richterin Ludwig denn auch: „Ich persönlich glaube nicht, dass es Notwehr war.“ Aber: „Wir können so viele Zweifel haben wie wir wollen, beweisen können wir es Ihnen das nicht.“

Tritte gegen Polizisten

Blieb Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Der Angeklagte gestand Tritte gegen zwei Polizisten ein, die in der Tatnacht bei ihm geklingelt hatten, um ihn zu den Verletzungen des Mitzechers zu befragen. Seine Tritte hatten die Beamten aber verfehlt. Das Urteil nahm er sofort an, nachdem er zuvor beteuert hatte: „Es tut mir alles total leid.“