Hochschule Magdeburg-Stendal

Versuch auf zwei Straßen im Landkreis Stendal: Warnsystem soll Zahl der Wildunfälle verringern

Von Donald Lyko 09.04.2021, 15:49

Stendal

Duftzäune, Hinweisschilder, Reflektoren... Es ist schon vieles versucht worden, um die Zahl der Wildunfälle zu reduzieren. Dennoch liegen die Begegnungen von Tier und Fahrzeug noch immer deutlich an der Spitze der Unfallursachen. Im vergangenen Jahr hat es im Landkreis Stendal insgesamt 1623 Wildunfälle gegeben, die damit 41 Prozent aller Verkehrsunfälle ausgemacht haben.

Für Niklas Genz und Lukas Falk, die beide aus der Altmark stammen und die Gefahren der wild- und waldreichen Gegend kennen, waren unter anderem solche Statistikzahlen Anlass für ihr Projekt. Das setzen sie mit Hilfe der Gründer- und Transferförderung an der Hochschule Magdeburg-Stendal, kurz „gründet“, um. Gründungswillige Studierende, Alumni und Wissenschaftler bekommen Unterstützung dabei, ihre Idee wissenschaftlich zu untersetzen und für die Praxis zu testen. Das Ziel: eine Firma zu gründen, um die Entwicklung nach ihrer Marktreife zu vertreiben. Die beiden Stendaler werden von Prof. Przemyslaw Komarnicki vom Institut für Elektrotechnik an der Hochschule Magdeburg-Stendal betreut.

Kreisstraße zwischen Schinne und Möringen ausgewählt

Woran die beiden jungen Männer arbeiten, ist ein System zur Vermeidung von Wildunfällen. Zusammengefasst lässt es sich so beschreiben: Leitpfosten werden mit Infrarotsensoren ausgestattet, die Wild in Straßennähe erkennen. Reagieren die Sensoren auf die Körperwärme der Tiere, wird ein Licht-Warnsignal im Leitpfosten ausgelöst, das in beide Fahrtrichtungen leuchtet.

„Der Fahrer kann dann rechtzeitig reagieren und bremsen“, sagte Niklas Genz im Ausschuss für Bau, Verkehr und digitale Infrastruktur des Landkreises Stendal. Ziel sei es, dass das orangefarbene Warnlicht in 100 Meter Entfernung gut sichtbar ist, damit Fahrer ihr Verhalten rechtzeitig der Situation anpassen können.

Jeder Leitpfosten soll mit drei Sensoren ausgestattet werden. Die Elektronik wird staub- und wassergeschützt im Inneren untergebracht. Auf der Strecke, wo dieses System angewandt wird, soll der gesamte Straßenrand mittels Sensoren überwacht werden. Geplant ist eine autarke Energieversorgung mittels Solarzellen, die Akkus sollen im Fuß des Pfostens ihren Platz finden.

Projekt für Wildwarnsystem beginnt bereits im Jahr 2020

Mit dem Projekt haben die beiden Gründungswilligen, die dafür sogenannte öffentliche Mitarbeiter der Hochschule wurden, im Frühjahr vergangenen Jahres begonnen. Kennengelernt hatten sie sich im privaten Umfeld. Nach einigen Gesprächen fanden sie, dass ihre Kompetenzen bestens zusammenpassen, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Niklas Genz hat Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik in Leipzig studiert, Lukas Falk den Master-Studiengang Risikomanagement/Management von unternehmerischen Risiken am Fachbereich Wirtschaft am Hochschulstandort Stendal absolviert. Darum kümmert sich der eine eher um die technische Entwicklung, der andere um das Kaufmännische und die Produktvermarktung.

Doch erst einmal stehen die Tests an, im Sommer soll es damit losgehen. Dafür haben die Entwickler auch zwei Strecken im Landkreis Stendal ausgewählt. „Wir haben uns von der Polizei Vorschläge für Straßen zuarbeiten lassen“, informierte Thomas Müller, Leiter des Kreis-Straßenbauamtes, während der Ausschusssitzung.

Nach jetzigem Stand soll das Wildwarnsystem auf der Kreisstraße zwischen Schinne und Insel (über Klein Möringen und Möringen) sowie auf der Kreisstraße zwischen Hämerten (Bahnhof) und Storkau/Billberge getestet werden. Mit diesem Projekt werde ein Paradigmenwechsel deutlich, so Müller. Denn nun heißt es: Das Wild hat Vorfahrt, der Klügere gibt nach – und darum bremst der Fahrer .

Neben weiteren Regionen im Harz sowie im Raum Ludwigslust soll auf dem Hochschul-Campus eine Teststrecke aufgebaut werden. „Wir werden mindestens ein Jahr lang testen, um alle Jahreszeiten, alle Witterungsverhältnisse und das Balzverhalten der Tiere zu erfassen“, sagte Lukas Falk. Zudem soll geprüft werden, welcher Pflege- und Wartungsaufwand notwendig wird, wie sich die Vegetation auswirkt und auf welche Tiergrößen die Sensoren eingestellt werden müssen.

Plan: Patent anmelden und Start einer Serienproduktion

Die nächsten Schritte sind die Patentanmeldung, die Gründung einer Firma inklusiver Erarbeitung eines Businessplans, am Ende soll das Wildwarnsystem in Serie gehen. Das Ziel ist 2022. Momentan liegen die Preisvorstellungen für einen technisch entsprechend ausgerüsteten Leitpfosten bei 120 bis 200 Euro pro Stück. Um den Straßenabschnitt sicher zu machen, müssen auf beiden Fahrbahnseiten solche Leitpfosten stehen.

Bei den Mitgliedern des Bau- und Verkehrsausschusses kam das Projekt InfraSen sehr gut an. „Wenn dieses Verfahren nur ein Leben rettet, dann ist es wert, dass es in ganz Deutschland eingeführt wird“, sagte der Ausschussvorsitzende Bernd Prange (CDU). Bernd Witt (SPD) ermunterte die Gründer, bei der Finanzierung der Geschäftsidee die Versicherungen mit ins Boot zu holen, die von einem geringeren Schaden profitieren können.

Dass der recht hoch ist, hatten Niklas Genz und Lukas Falk gleich zu Beginn ihrer Präsentation vorgerechnet. Etwa 4200 Euro fallen pro Wildunfall als Schaden für die Volkswirtschaft an. Auf die 1625 Wildunfälle im Jahr 2019 hochgerechnet, würde allein im Landkreis Stendal eine Summe von gut 6,8 Millionen Euro zusammenkommen. Unterstützt bei ihrem Vorhaben werden die beiden jungen Männer schon jetzt vom Landes-Verkehrsministerium.