Drei Künstler in Dahrenstedt in einem Kunstgespräch nach der Vernissage

Von seltsamen Früchten und Grenzbrüchen

Von Doreen Schulze

Frank Pietsch, André Kestel, Engdaget Legesse Amede (EngDaged) – drei Künstler, die seit Sonntag auf dem Kunsthof in Dahrenstedt ausstellen. Drei Künstler, die Grenzen überschreiten. Grenzüberschreitung war Thema des Kunstgesprächs im Anschluss der Vernissage, das Hejo Heussen moderierte.

Dahrenstedt. Grenzen überschreiten EngDaged, Pietsch und Kestel zunächst in geografischer Hinsicht. EngDaged kommt aus Äthiopien, stellt dort aus, lebt und arbeitet heute in Berlin und Demker. Aus der Altmark kommt seine Frau, die er in Berlin kennenlernte. Seither kreuzt er zwischen Afrika und Europa. Kestels Frau ist Spanierin. Pietsch unternahm Studienreisen nach Marokko, Zanzibar, Andalusien, Gomera und so weiter. Grenzen überschritten haben die drei bereits, als sie den Schritt wagten und Künstler wurden. Für EngDaged, der in Äthiopien geboren wurde, stand seit Kindertagen fest, dass er einmal Künstler werden wird. Über Kontakte der Deutschen Entwicklungshilfe stellte er in Berlin aus.

André Kestel ging erst mit knapp 30 Jahren zur Kunsthochschule. Auf Umwegen kam der gelernte Metallinstallateur zum Studium an die Burg Giebichenstein Halle/Saale. Metall sollte auch dort die Materie sein, mit der er arbeiten wollte. Ein Studienbesuch in einer Glashütte im Harz faszinierte ihn so sehr, dass er seither Glas mit Metall verbindet. Eine weitere Grenzüberschreitung: Das Arbeiten mit scheinbar unverbindbaren Materialien.

Dies ist auch bei EngDaged zu finden. Kronkorken trifft Aluminium. Mit Gips, Eiern, Pfeffer und Toilettenpapier arbeitet er. Unterschiedliche Farbtypen bringt Frank Pietsch auf Leinwand oder Pappkarton. Pietsch, der von sich selbst sagt, er war ein Totalverweigerer, kam zur Kunst, weil er "anders war als die anderen", so seine Selbsteinschätzung. Nach der Polytechischen Schule absolvierte er eine Ausbildung als Gebrauchswerber. Der Zufall brachte ihn ans Theater seiner Heimatstadt Eisleben. Dort machte er das Bühnenbild und hatte erste Kontakte zu Künstlern. Mit Mitte 20 ging er 1981 nach Berlin, um neue Inspirationen zu finden. Als Heizer verdiente er dort sein Geld.

"Der Beruf hatte den Vorteil, dass ich zwar morgens um 3 Uhr schon aufstehen musste, ab 14 Uhr aber Zeit hatte zum Malen", äußerte Pietsch. "Nach verschiedenen Jobs ist jetzt dieses Leben dran", sagte Pietsch weiter, der nun allein auf die Kunst vertraut. "Ich bin auf der Welt, um zu malen, um anderen Menschen eine Freude zu machen", definiert Pietsch.

"Ich habe Kunst gemacht mein Leben lang."

Alle drei Künstler haben bereits auf dem Kunsthof ausgestellt. Damals waren andere Werke zu sehen als heute. Eine künstlerische Weiterentwicklung; eine Grenzüberschreitung.

Pietsch besticht heute mit einfachen Farben und Formen, zeigt Fläche. Er will den Betrachter zur Interpretation seiner Werke einladen. Bei Pietschs erster Ausstellung in Dahrenstedt – der ersten Ausstellung auf dem Kunsthof überhaupt – präsentierte er unter anderem Tiere im Einfluss der Zivilisation.

EngDaged, der mit Skulpturen aus Metall, Holz und Kronkorken überzeugte, zeigt nun Bilder. Das Bildermalen ist für EngDaged eine weitere Überschreitung von Grenzen. Er übermalt seine Bilder rigoros. Lässt Neues entstehen ohne Rücksicht auf Vergangenes. Unwiederbringlich. "Überfüllten Räumen" gibt er nun neuen "leeren Raum", sagt der Künstler. "Ich habe Kunst gemacht mein Leben lang. Das ist das einzige was ich kann", definiert EngDaged sich selbst.

Skulpturen aus Glas und Metall brachte Kestel bereits vor wenigen Jahren in die Altmark mit. Damals jedoch in deutlich kleinerer Dimension. Heute sind seine Werke gesellschaftskritischer geworden. Aktuelles Thema: Genmanipulion. Überdimensionale Früchte aus Glas in farblicher Brillanz regen zum Nachdenken an. Hinzu kommen Bildunterschriften, die auf die optimale Dürre- und Kälteresistenz, Herbizidtoleranz, Bakterienresistenz und Ertragseffiziens hinweisen. Der Betrachter stellt sich die bange Frage, wer das essen soll.

Mit dem Material stößt Kestel wiederum auf Grenzen und das nicht nur im Hinblick auf die Zerbrechlichkeit. Die Schaffung der mundgeblasenen Unikate sind beschränkt: "20 Kilogramm – mehr geht nicht." So schwer sind beispielsweise die Früchte, die auf dem Kunsthof unter freiem Himmel zu betrachten sind. Die Glasdicke beträgt einen Zentimeter.

Diese und andere Werke sind bis zum 15. Oktober auf dem Kunsthof Dahrenstedt anzuschauen.