Magdeburg/Stendal l Corinna L. kannte den später verurteilten Wahlfälscher Holger Gebhardt nicht, als dieser irgendwann im Frühjahr 2009 bei ihr vor der Tür stand. Gebhardt habe Listen dabei gehabt, die sie bei sich im Umfeld ausfüllen lassen sollte, es ging um Adressen und Unterschriften, sagte die heute 56-jährige Frau am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Landtages zur Stendaler Wahlfälschungsaffäre.

Was das Ganze sollte, weiß die Frau bis heute nicht. Sie sei völlig unpolitisch. „Was Parteien angeht, da bin ich ganz außen vor“, sagte die Frau, die für ihre Zeugenaussage in Magdeburg aus der Schweiz angereist war. Sie lebe dort seit Anfang 2014, ihr Mann bereits seit 16 Jahren.

2009 stand Gebhardt vor der Tür

Dass sie 2009 überhaupt mit Holger Gebhardt in Kontakt gekommen war, sei über Hardy Peter Güssau eingefädelt worden, sagt sie. „Hardy rief mich an und kündigte jemanden an, der noch Unterstützung braucht“, sagte die Frau. Dieser würde vorbeikommen und alles erklären, habe Güssau ihr gesagt.

„Hardy“ sei ein langjähriger „Kumpel ihres Mannes“ gewesen, schilderte sie. „Den kenn ich noch aus unserer Sturm- und Drangphase.“ Die beiden seien öfter zusammen Motorrad gefahren und ihr Mann habe als KfZ-Schlosser auch später noch öfter das Auto von Güssau repariert.

Unterschriften und Adressen eingesammelt

Die Zeugin redet relativ unbefangen über die Vorgänge, die sie im Nachhinein schockierten und durch die sie sich nach eigenen Worten von Güssau hintergangen fühlt. Sie habe nie angenommen, dass bei der Sache irgendetwas nicht stimmen könnte, sagte Corinna L. im Ausschuss. Sie habe Vertrauen gehabt.

Es sei für sie kein Problem gewesen, ein paar Adressen und Unterschriften für die Listen zu bekommen. Sie selbst arbeitete seinerzeit als Sozialpädagogin mit Abiturienten. „Die haben sich alle nicht für Politik interessiert“, erzählt sie. Auf Hinweis von Gebhardt, der ihr schon gleich bei der ersten Begegnung das „Du“ angeboten hatte, habe sie auch im Verwandtenkreis „gesammelt“.

Auch bei anderen Wahlen angerufen

Auch bei späteren Wahlen habe Gebhardt sie wieder kontaktiert. Einmal sei dies 2012 oder 2013 gewesen, sagt sie. So genau weiß sie es nicht. Ein anderes Mal war es Anfang 2014 – also einige Monate vor der Kommunalwahl, für deren Manipulation Gebhardt 2017 eine zweieinhalbjährige Haftstrafe aufgebrummt bekam.

Corinna L. stöbert im Untersuchungsausschuss in ihrem Handy und zitiert dann eine E-Mail, die Gebhardt ihr am 28. Februar 2014 geschickt und mit Grüßen von „Holger und Hardy“ versehen hatte: „Im Anhang sende ich Listen für Adressen, diese benötigen wir bis 30.4. Wir brauchen einige Leute, die Wahlunterlagen abholen können.“

Auch den drogensüchtigen Sohn mit eingespannt

Sie habe Gebhardt gesagt, dass sie in der Schweiz sei und nichts für ihn tun könne. Später habe sie mitbekommen, dass auch ihre Tochter, ihre Schwiegertochter und auch der stark drogenabhängige Sohn von Gebhardt wieder in die Spur geschickt worden waren. Die Schwiegertochter habe im Büro von Güssau in der Bismarckstraße Listen abgegeben, so habe sie es ihr erzählt.

Dass auch der Sohn einbezogen wurde, dass sei ihr „Spanisch vorgekommen“, sagte Corinna L. Ihr Junge habe sich aufgrund der Drogensucht kaum noch artikulieren können. Wie sie später erfahren hatte, habe er bei Leuten an der Tür geklingelt und sich als jemanden von den Grünen ausgegeben – das war schon zur Wiederholung der Briefwahl im Herbst 2014.

Wütend auf Güssau gewesen

Sie sei wütend gewesen und habe Güssau angerufen und gefragt, was das denn solle. Güssau habe ihr gesagt: „Nimm ihn aus der Schusslinie.“ Er habe ihr gesagt, dass Gebhardt ihn selbst „beschissen“ habe.

Später sei Güssau nicht mehr ans Telefon gegangen. Sie habe in alle den Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt – bis zum vergangenen Dienstag. „Da hat er angerufen“, sagte Corinna L. Er habe gehört, dass sie nach Stendal kommen und ob ihr Mann ihm nicht den Wagen reparieren könne.

Sie könne sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass „Hardy“ von dem, was Gebhardt gemacht hat, nichts mitbekommen habe. Nein, dass sei unmöglich. „Intelligent genug ist er ja.“ Bei der Aussage schüttelt Corinna L. heftig den Kopf.

Die Zeugin verbal bedrängt

Ulrich Thomas (CDU) stellt keine Fragen, sondern ist bemüht darum, in Richtung Zeugin zu insistieren. Er sagt, sie solle nichts vermuten: „Wir können uns hier nur auf Tatsachen stützen, die erwiesen sind.“ Ausschussmitglied André Schröder (CDU) will den Punkt noch einmal im Protokoll festgehalten wissen, dass Güssau sich selbst von Gebhardt hintergangen gefühlt habe. Corinna L. nickt nur. „Ich bin nicht gewohnt, dass hier noch Aussagen umgedeutet werden“, erwidert Daniel Roi (AfD) dem CDU-Mann.

Nach rund 75 Minuten Zeugenstand gibt es keine Fragen mehr an Corinna L.