Stendal l Ob es verschmitzt-metaphorisch gemeint war oder schlichtweg am Mobiliarbestand lag? Jedenfalls stand beim Geschichtencafé am Dienstagabend in der Kleinen Markthalle in Stendal, als es um bürgerschaftliche politische Mitgestaltung zur Wendezeit ging und dabei natürlich auch von Runden Tischen die Rede war – stand da eben ein kleiner runder Tisch. Um selbigen gruppierte sich Moderatorin Edda Gehrmann mit ihren Gesprächspartnern Ingrid Fröhlich-Groddeck und Reinhard Weis.

Revolution, Wandel und Veränderung sind keine Sache eines Augenblicks oder gar eines Mausklicks – umso erstaunlicher ist es, dass ein Gesprächsformat wie das Geschichtencafé es dank einer behutsamen Moderation schafft, innerhalb von zwei Stunden einen schlüssigen und gleichsam nachdenklich machenden Einblick in eine Zeit zu geben, die viele von uns Heutigen nicht nur bewusst erlebt, sondern mit geprägt haben, viele aber auch nur passiv durchschritten oder eben hingenommen.

Dynamik seit Anfang der 80er

Für Ingrid Fröhlich-Groddeck und Reinhard Weis war es eine Zeit der Erweckung, kann man wohl sagen. Sie bezeichnet sich als aus der Bürgerbewegung kommend, die im Neuen Forum aktiv war und seit jeher gegen Militarisierung und für Naturschutz kämpft. Er gehörte zu den treibenden Kräften bei der Wiedergründung der SPD, war Mitglied der ersten freigewählten Volkskammer der DDR und dann im Bundestag.

Beide erzählten davon, wie ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse sie schließlich dahin brachten, den Wandel rund um das Jahr 1989 mitzugestalten, wie sie Teil der gesellschaftlichen Dynamik wurden, die schon Anfang der 80er Jahre eingesetzt hatte.

Als zentraler Streitpunkt kristallisierte sich im Gespräch die Frage heraus: Kann Veränderung nur von oben geschehen oder von unten? Oder muss beides nicht vielmehr ineinandergreifen? Für Ingrid Fröhlich-Groddeck ist klar: „Von oben wächst nichts. Ohne qualifizierten Druck von unten geht gar nichts.“

Jeder Einzelne ist gefragt

Reinhard Weis meint, „dass jeder seine eigene Verantwortung erkennen muss“, wozu auch der Mut gehöre, „Dinge laut zu benennen, die falschlaufen“. Aber auch Bildungspolitik, Schule und Familie seien gefragt und „auch die Kirchen haben da einen meinungsbildenden Auftrag“.

Das rief im Publikum den Einwand hervor, dass sich Resignation breitmache und hinsichtlich des Klimawandels die Bereitschaft zum Verzicht nicht da sei. Gleichzeitig versage die Politik insofern, als sie nicht strengere Leitlinien vorgebe und den „hehren Anspruch, fürs Ganze zu denken, aufgegeben“ habe. Damit ganz konform, bescheinigte Reinhard Weis der deutschen Politik ein „Defizit bei plebiszitären Elementen“. Ingrid Fröhlich-Groddeck sieht die Notwendigkeit von Bürgerinitiativen, um der „Lähmung der Gesellschaft“ zu entkommen und weil nur sie dem Lobbyismus etwas entgegensetzen könnten.

Ein Risiko bleibt

Fest steht aber auch: Wer sich für eine Vision, ein Ziel gemeinsam mit anderen einsetzt, muss auch damit rechnen, dass es am Ende nur ein Kompromiss wird, dass man ernüchtert wird angesichts dessen, was von den eigenen Vorstellungen übrigbleibt oder welch unerwartete Richtung alles plötzlich nimmt. Bei Ingrid Fröhlich-Groddeck löste es gar Trauer aus, dass sich das „Wir sind das Volk“ plötzlich zum „Wir sind ein Volk“ gewandelt hatte – denn die Wiedervereinigung hatte man im Neuen Forum keineswegs vor Augen, vielmehr wollte man die DDR demokratisch neu gestalten, wollte eine menschengerechtere und naturgerechtere Gesellschaft. Welche andere Form des politischen Systems vielleicht möglich gewesen wäre – „die Chance, das herauszufinden, haben wir 1989 verpasst“, meinte ein Gast.

Davon abhalten, sich überhaupt einzubringen, sollte dieses Risiko der Enttäuschung aber nicht, wie Marion Zosel-Mohr vom Netzwerk „Engagierte Stadt“ ermunterte: „Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, aber wir können sie gestalten. Jeder ist gefragt, wir sind nicht willenlose Opfer.“ Bürger und Politik dabei als Gegner zu betrachten, sei allerdings nicht hilfreich.

Abschluss am 3. Dezember

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe "Aufruhr - Aufbruch - Alltag: Stendal 1989 und heute" gibt es am Dienstag, 3. Dezember, um 17 Uhr in der Kleinen Markthalle in Stendal ein weiteres Geschichtencafé. Hier gewähren Mitwirkende einen Einblick in die Probenarbeit und persönliche Hintergründe zum Theaterstück „Wende.Punkte“, das im Frühjahr 2020 aufgeführt wird.