Stendal/Lüderitz l Strom aus erneuerbarer Energie. In Sachsen-Anhalt wird mehr davon erzeugt, als verbraucht werden kann. Und dieser Überschuss an grünem Strom soll künftig dorthin, wo er gebraucht wird, in dichter besiedelte Regionen.

Ergo braucht es mehr und leistungsfähigere Transportwege, sprich Leitungen, um den Strom zu den Verbrauchern zu bringen.

Eine solche Leitung wird auf einer Trasse vom Umspannwerk Wolmirstedt bis ins brandenburgische Perleberg entstehen. Nicht gegen diese Trasse, allerdings gegen deren Verlauf sehr nah an Orten und Wohnhäusern entlang, regt sich im Norden des Landkreises in Seehausen und Umgebung Widerstand.

Weckruf aus dem Norden

Der Bericht der Volksstimme am 16. Januar darüber wurde auch im Süden des Landkreises gelesen. „Das war wie ein Weckruf“, sagt Edith Braun. Die Bürgermeisterin von Lüderitz weiß, dass auch Anwohner aus der zum Dorf gehörenden Ortschaft Groß Schwarzlosen zu den Betroffenen zählen werden, seitdem sie im Planfeststellungsbeschluss zum Bau des Trassenabschnittes Wolmirstedt-Stendal nachgesehen hat. Er soll noch vor dem nördlichen, von Stendal über Seehausen nach Perleberg geplanten Abschnitt gebaut werden. Und auch in Lüderitz, sprich Groß Schwarzlosen verläuft die Trasse nah an den Wohngrundstücken entlang. 320 Meter Abstand bis zur nächsten Wohnbebauung in Groß Schwarzlosen sind für Edith Braun unakzeptabel.

„400 Meter Mindestabstand!“ So die Forderung der Bürgermeistern. Besagte 400 Meter wäre die neue Starkstrom-Freileitung weder vom Wohngrundstück von Gerald Otto, noch von den Grundstücken weiter nördlich von Siegfried Arndt und dessen Nachbarn entfernt. Und auch bei dem im Nordosten des Dorfes erschlossenen neuen Wohngebiet, in dem im Frühjahr mit dem Bau der ersten Eigenheime begonnen wird, würden Häuser eventuell weniger als 400 Meter von der Strom- trasse entfernt stehen.

Bürgermeisterin Braun steht seit dieser Erkenntnis vom 16. Januar 2018 bildlich gesprochen „unter Strom“. Unter Starkstrom wäre noch treffender. Am selben Tag noch schickte sie eine gleichlautende E-Mail sowohl an Stendals Landrat Carsten Wulfänger (CDU), als auch an den parteilosen Tangerhütter Einheitsgemeinde-Bürgermeister Andreas Brohm. „Im Auftrag des Ortschaftsrates“, in dem auch Gerald Otto Mitglied ist, widerspricht sie darin den „Planungen in unserer Gemarkung wegen Nichteinhaltung der Abstandsfläche und zusätzlicher Belastungen durch Windpark und Autobahn... Wir fordern eine Erdkabelverlegung in Ortsnähe.“

Auch die Betroffenen verstehen nicht, warum die neue Trasse so dicht an ihren Grundstücken entlangführen soll. „Wieso wussten wir das nicht?“, fragt Siegfried Arndt, als er am Donnerstag vergangener Woche mit der Bürgermeisterin und Gerald Otto über dem Planfeststellungsbeschluss gebeugt sitzt und dort eine tabellarische Übersicht findet, in der alle Orte aufgeführt sind, die von der Stromtrasse tangiert werden.

Neue Masten bis zu 75 Meter hoch

Dort sind für Groß Schwarzlosen besagte 320 Meter Abstandsfläche niedergeschrieben. Die Tatsache, dass in unmittelbarer Nachbarschaft der neu zu bauenden Masten bereits Freileitungen an älteren Masten hängen und dass eine dort verlaufende 220-kV-Leitung zurückgebaut wird, um für die neue 380-kV-Leitung Platz zu machen, ist für die drei dabei nebenrangig. Die neuen Strommasten würden die vorhandenen weit überragen, zwischen 50 und 75 Meter hoch sein.

Ortsbürgermeisterin Braun hat den Schuldigen an der Misere für sich bereits ausgemacht. „Die Verwaltung hat gepennt, die hätte Einspruch einlegen müssen.“ Und man hätte sie und die Bürger im Dorf dazu anhören müssen. In Lüderitz hätte eine Informationsveranstaltung stattfinden müssen. „Hier leben die Betroffenen und nicht in Tangerhütte“, echauffiert sie sich.

In Tangerhütte hat es eine solche Informationsveranstaltung zwar auch nicht gegeben, wohl aber im dortigen Kulturhaus Ende November 2017 bereits die Anhörungen zum Entwurf der Stromtrassenplanung in dem Abschnitt, der an Uchtdorf, Schernebeck und Groß Schwarzlosen vorbei über das Gebiet der Einheitsgemeinde „Stadt Tangerhütte“ führt. Zuvor, im März/April 2015 und noch einmal von Anfang August bis Anfang September 2017 lagen die Planungsunterlagen in der Verwaltung der Einheitsgemeinde aus.

Stellungnahmen dazu hat die Einheitsgemeinde „Stadt Tangerhütte“ am 12. März 2015 und noch einmal am 25. September 2017 abgegeben. Auch das ist im „Planfestellungsbeschluss für den Neubau der 380-kV-Freileitung Stendal-West – Wolmirstedt“, wie er richtig heißt, nachzulesen. Ortsbürgermeisterin Braun hält dagegen, dass sie den Inhalt dieser Stellungnahmen nicht kenne. Unabhängig davon bleibt sie bei der Forderung nach Erdkabelverlegung. „Dann werden wir eben klagen.“

Bau bereits 2018 beschlossen

Das wiederum wäre möglich gewesen, wenn die Klage innerhalb von vier Wochen nach Veröffentlichung des Planfeststellungsbeschlusses erhoben worden wäre. Der Beschluss datiert vom 29. März 2018.

Edith Braun lässt sich dennoch nicht beirren. „Die Betroffenen wussten zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nichts von der Lage. Wie hätten sie denn dagegen vorgehen sollen, wenn sie nicht informiert wurden? Wir leben in einem Rechtsstaat, auf den ich vertraue. Da muss es Wege geben.“