Stendal l Fangen wir mit der vollendeten Tatsache an: Das Denkmal für Johann Joachim Winckelmann, den „Erforscher und beredten Verkünder der Kunst des Altherthums“, wurde am 18. Oktober 1859 feierlich enthüllt - 91 Jahre nach seinem tragischen Tod. Jedoch: „Über die Hälfte der circa 30 geladenen Gäste sagten unter anderem wegen der Gefahr einer Erkältung und Mangel an Gehör, Alter, Kränklichkeit ab“, zitiert Stadtarchivleiterin Simone Habendorf amüsiert aus ihren dazu angestellten Recherchen. Dennoch wird eingeweiht, gewürdigt, gefeiert, zu Winckelmanns Geburtstag am 6. Dezember desselben Jahres auch der Platz nach ihm benannt.

Bis es aber überhaupt zur Aufstellung des in Bronze gegossenen sinnierenden Ästheten kam, gingen einige Jahre ins Land. Und einige Diskussionen. Erste Überlegungen stellte der Direktor des Land- und Stadtgerichtes Stendal, ein gewisser Herr Klee, 1826 in einem Brief an Goethe an und erbat Ratschläge. Der em­pfahl denn „ein Standbild... auf einem freien Lustplatz... Gedanken ums Geld machen und dann den Preußischen Staat angehen“.

Initiative aus Berlin

In Berlin wiederum begingen „die braven (dort) ansäßigen Altmärker von Bildung seit 1832 Heimatfeste zum Gedächtnis Winckelmanns“. Von dort gingen dann – nach mehrfachen vom König abgeschmetterten Anfragen nach Erlaubnis – auch die Impulse zur Finanzierung und Herstellung eines Denkmals aus. Der Geldsammlung stimmte der König schließlich im Februar 1842 doch zu, so dass sich 1843 in Berlin ein Verein gründete, „um die Angelegenheit bera­then, betreiben und ausführen zu lassen“. Gemeinsam mit dem Stendaler Magistrat gab es einen Aufruf um Unterstützung und Geldspenden. Federführendes Mitglied im Verein war der aus Stendal stammende Geheime Justizrat Carl F. Friccius, der sich sehr für die Sache einsetzte.

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Anderthalb Jahre in der Kiste

Politische Querelen, Armut und Missernten sowie der Vorwurf der Königsuntreue führten dazu, dass die Sache länger ruhte und erst wieder 1854 Schwung bekam. Der König spendierte letztlich sogar das Geld für das Fundament. Also konnte 1855 der Guss der Statue beim Hüttenwerk Lauchhammer bestellt werden. Am 24. April 1858 traf die 27 Zentner schwere Bronzefigur per Eisenbahn in Stendal ein – und wurde bis zu ihrer Aufstellung „gehörig verpackt“ gelagert. Immerhin anderthalb Jahre lang. „Wo, das wissen wir leider nicht“, sagt Simone Habendorf, die aber die damaligen Lagerhäuser an der Priesterstraße vermutet.

13 mögliche Standorte

Über den künftigen Standort des Denkmals war man sich lange nicht einig, über zwei Jahre erstreckte sich im Altmärkischen Intelligenz- und Leseblatt die Für-und-Wider-Beleuchtung 13 verschiedener Möglichkeiten: in der Alten Dorfstraße inmitten der Lindenallee, im Hölzchen, vor Winckelmanns Geburtshaus, vor oder hinter St. Petri, auf dem Marktplatz, auf dem Platz, der heute Sperlingsberg genannt wird, auf dem Mönchskirchhof, vor dem Tangermünder oder dem Uenglinger Tor, auf dem Domplatz, vor dem Gymnasium oder eben auf dem einstigen Johanniskirchhof (fälschlicherweise oft als Marienkirchhof bezeichnet).

Kinder spielen mit Knochen

Letzterer wurde es schließlich auch, obwohl man ihn als unscheinbar und daher unwürdig empfand. Der Stendaler Verschönerungsverein setzte sich für die Umgestaltung des Platzes ein („Alle jetzt noch vorhandenen Bäume mögen stehen bleiben!“), im Oktober 1858 wurde der alte Ratskeller samt Gewölbe abgerissen, im April 1859 begann man mit dem Planieren. Die dabei „aus den Gräben zutage geförderten Gebeine und Schädel“ mögen in ein „abgesondertes tiefes Loch“ gelegt werden, schrieb Pastor E. Weihe an den Magistrat, denn: „Die Buben spielen mit den Menschenschädeln Kugelspiel, sammeln und verkaufen die Menschenknochen.“

Die Umsetzung des Denkmals geschah 1904, nachdem der Winckelmannplatz vergrößert worden war und die Statue damit nach Ansicht von Bürgermeister Otto Werner „soweit aus der Mitte (steht), daß der Anblick ein störender ist“.