Stendal l Die einen sagen „Hurra!“, wenn der Zirkus in die Stadt kommt und viele Tier-Attraktionen im Programm hat. Die anderen sagen „Was soll das in der heutigen Zeit?“ Ein gutes Dutzend Akteure aus der Altmark und Magdeburg jedenfalls stellt sich letztere Frage. Tiere, und erst recht Wildtiere, gehören für sie nicht in den Zirkus, gehören nicht angekettet und vorgeführt und zur Belustigung dressiert. Darauf machen sie auch beim Gastspiel von Zirkus Krone auf dem Stendaler Schützenplatz aufmerksam – mit einer Mahnwache am Sonnabend, 22. September. Ihr Motto: „Zirkus macht Spaß – aber nur, wenn niemand leidet. Stendal sagt Nein zu Tierdressuren“.

Ins Nachdenken bringen

Angemeldet ist der stille Protest, der allein durch Plakate und das ein oder andere Kostüm für sich sprechen soll, für 14.30 bis 15.30 Uhr, laut Landkreis Stendal für zehn bis zwanzig Teilnehmer. Die wollen sich nahe des Zirkus-Haupteingangs postieren. Nicht, um den Zirkusbesuchern den Spaß zu verderben, aber doch, um sie ins Nachdenken zu bringen. Unterbringung, Dressur, Transport der Tiere – all das sind Kritikpunkte.

„Vor allem aus ethischer Sicht gibt es keine Rechtfertigung, Tiere zum Zweck des Gelderwerbs gefangen zu halten und vorzuführen“, formuliert es Bettina Fassl von der Tierschutzallianz, die sich an der Mahnwache beteiligen wird. Einer ihrer Mitstreiter sieht es so: „Wir müssen die Tiere nicht beherrschen, sondern sehen, dass wir sie am Leben erhalten.“

"Krone" setzt auf Raubkatzen

Die Stendalerin Kathrin Ludwig schließt sich diesem Anliegen an, denn: „Die Zeiten haben sich geändert, Unterhaltung auf Kosten der Tiere ist völlig überholt. Um Tiere, ihren Lebensraum und ihre Bedrohtheit zu sehen und zu verstehen, gibt es so viele tolle Filme und Dokumentationen.“

Zirkus Krone, der vor allem auf seine weißen Löwen setzt, wirbt mit „prachtvollen Raubkatzen und dem mächtigen Nashornbullen Tsavo“ sowie den Elefanten und unter der Kuppel fliegenden Papageien. Bei Fragen zum Tierschutz verweist man auf die auf der Homepage (www.circus-krone.de) unter der Rubrik Tierschutz einsehbare Broschüre, in denen Kritikpunkte in Wort und Bild widerlegt werden.

Kommunen vermieten nicht

Einige Zirkusse arbeiten inzwischen nicht mehr mit Wildtieren. Ein generelles Verbot gibt es bislang kaum, auch in Deutschland nicht. An die 100 Kommunen haben jedoch per Stadtratsbeschluss festgelegt, dass an Zirkusse, die (bestimmte) Wildtiere im Programm haben, keine kommunalen Flächen mehr vermietet werden. Die Hansestadt Stendal ist nicht darunter, und nach Volksstimme-Anfrage im Rathaus gibt es auch „keine (solche) Bestrebung des Stadtrates oder Verwaltung“.

Zirkus Krones Tierschutzbeauftragter Frank J. Keller äußert sich dazu auf Volksstimme-Anfrage wie folgt: „Städte, die ein kommunales Wildtierverbot haben und in denen wir gastieren möchten, wurden seither immer erfolgreich verklagt. (...) Und zur Not nimmt man sich ein Privatgelände.“ Mit den Teilnehmern der Mahnwachen ins Gespräch kommen wird man wohl nicht. „Mit diesen Tierrechtsaktivisten kann man nicht reden, da sie überhaupt nicht wissen, wogegen sie demonstrieren“, meint Keller. „Es sind meist Berufsdemonstranten, die über das Internet gebucht werden.“

Nun, gebucht sind die Stendaler Demonstranten nicht, sie haben sich schlicht verabredet und zusammengeschlossen. Beteiligt sind neben Privatpersonen auch Mitglieder der Allianz für Menschenrechte, Tier- und Naturschutz aus Magdeburg, der Tierschutzverein Nördliches Sachsen-Anhalt und der Verein Pfotenfreunde Deutschland.

Nicht hingehen ist auch Protest

Dass manche Leute, die diesen Text hier lesen oder an der Mahnwache vorübergehen werden, denken „Die Spinner!“, das nehmen die Akteure gelassen. Denn sie wissen auch: Mancher, der vorüberkommt, denkt womöglich „Ach, guck mal, das ist ja ‘ne tolle Sache.“ So ging es zumindest Kathrin Ludwig und ihrer Lebensgefährtin, als sie in Stendal einmal an einer Mahnwache vor dem Zirkus vorbeikamen. „Wenn die Leute auf diese Weise ins Nachdenken kommen, ist es doch gut“, findet sie.

Und das ist letztlich das Anliegen der Initiatoren: zum Hinschauen, Nachdenken und im besten Falle Sich-Engagieren animieren. „Letztlich“, sinniert Ludwig, „ist es ja schon ein Erfolg, wenn die Leute sich entscheiden, nicht in den Zirkus zu gehen, wenn dort Tiere im Programm sind.“