Klein Wanzleben l Betritt der Besucher nach dem Aufstieg über eine lange Treppe im Obergeschoss das Wohnzimmer im Haus des Klein Wanzleber Künstlerehepaares Dieter und Rosl Lahm, dann knarren beim Betreten des Zimmers laut die alten Dielen aus Holz. „Wenn wir telefonieren, müssen wir immer still stehen, sonst verstehen wir kein Wort“, scherzt der Hausherr. Das gesamte Haus der Lahmes atmet Geschichte und beherbergt von unten bis oben Kunst, die Dieter Lahme in den Jahrzehnten seines Schaffens hat entstehen lassen. Am Sonnabend feiert er seinen 80. Geburtstag.

Im Jahr 2004 sind Dieter und Rosl Lahme von Mannheim in Baden-Württemberg nach Klein Wanzleben in Sachsen-Anhalt gezogen. „Einige unserer Freunde sagten damals, kein Mensch zieht vom Westen in den Osten“, erinnert sich Dieter Lahme. Die Lahmes taten es. Der Zufall half dabei. In Mannheim bewohnte das Ehepaar seit 30 Jahren eine Wohnung in der Innenstadt, mitten auf dem Campus der Universität. Die Stadt verkaufte die Uni an das Land und damit das Haus, in dem Familie Lahme zur Miete wohnte. Ein Tipp von Freuden brachte sie darauf, dass Immobilien im Osten Deutschlands noch erschwinglich seien.

Verliebt in die Klein Wanzleber Schule

Eine Reise in den Norden in Richtung Usedom und Rostock brachte nicht den gewollten Erfolg. Die Objekte waren entweder ungeeignet oder viel zu teuer. Durch den Katalog einer Versteigerungsgesellschaft wurden Lahmes auf die darin zum Verkauf angebotene Rote Schule in Klein Wanzleben aufmerksam. „Das ist es, waren wir uns beim Betrachten der Fotos des ungewöhnliches Objektes einig“, sagt Dieter Lahme. Das Erstgebot habe bei 5000 Euro gelegen. Für 15.000 Euro haben sie dann das im Jahr 1898 gebaute Haus ersteigert. Das Geld dafür haben sie sich bei Freuden geborgt.

Bilder

Die Rote Schule in Klein Wanzleben bot reichlich Platz für den Lebensstand von Dieter und Rosl Lahme. „Mit vier Containern sind wir von Mannheim nach Klein Wanzleben umgezogen“, verdeutlicht Rosl Lahme. Darin enthalten Persönliches, Möbel und etliche der vielen Kunstwerke, die sie bislang geschaffen hatten. Zunächst hätten die Klein Wanzleber eher etwas skeptisch wegen der Neuankömmlinge aus dem Westen reagiert. Wilde Gerüchte machten im Zuckerdorf die Runde, was die Beiden wohl in der Roten Schule vor hätten. „Viele haben es nicht geglaubt, dass wir es hier Ernst meinten. Erst als wir unser Auto ummeldeten und es das Kennzeichen BÖ trug, haben es die Klein Wanzleber geglaubt“, stimmen Dieter und Rosl Lahme überein. Die anfängliche Reserviertheit der Menschen sei einer Herzlichkeit gewichen, die bis heute andauere.

Das beste Beispiel für die herzliche Aufnahme von Dieter und Rosl Lahme in Klein Wanzleben war ein Straßenfest im Jahr 2005. Das Ehepaar bot damals der Bevölkerung an, die Rote Schule nach der Renovierung besichtigen zu dürfen. Das Interesse war riesig. Etwa 500 Gäste wollten die alte Schule besuchen und sehen, was das Ehepaar aus dem Haus gemacht hat. Viele von ihnen standen im Wohnzimmer, das früher ein Klassenzimmer war und sagten: „Dort habe ich gesessen“.

Als 68er alles ausprobiert

„Ich habe mein gesamtes Leben als Kunst verstanden“, sagt Dieter Lahme wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag in Klein Wanzleben. Dabei habe er als 68er alles ausprobiert, was es gegeben habe. Als besonders förderlich habe es Lahme empfunden, seine Erfahrungen im Umgang mit den einfachen Menschen in die große Kulturpolitik mit einbringen zu können.

In seiner Mannheimer Zeit traf er als Mitarbeiter in einem Jugendzentrum in einem Problemviertel auf unterschiedliche Schicksale und war gleichzeitig Landesvorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler Baden-Würtemberg, einem der größten Deutschlands. Der Widerspruch, es morgens in Jeans und Pullover bei der Arbeit mit den Jugendlichen in Mannheim und es abends beim Sektempfang im Anzug in Berlin mit Kulturpolitikern zu tun zu haben, habe nicht größer sein können. Ein Spagat, den Dieter Lahme aushielt, der seinen Horizont erweiterte und der ihn in seiner eigenen künstlerischen Arbeit bereicherte.

Das künstlerische Schaffen von Dieter Lahme hat viele Facetten. Von 1955 bis 1960 studierte er in Basel Grafikdesign und arbeitete danach zunächst für zwei Jahre als Gebrauchsgrafiker bei einem Pharmaproduzenten. Danach begann Lahmes Zeit als freischaffender Künstler, die bis heute andauert. Mit einer Marionettenbühne etablierte er damals die freie Spielform, veranstaltete Performances und machte Musik. Außerdem malte er schwarz-weiße Bilder und gestaltete Kugeln. Mehr und mehr nahm die Gestaltung von handfesten Kunstwerken Raum seines Schaffens ein. Lahme entwarf Objekte aus Metall, unter anderem den Doppelhof, der in der Kunstszene eine große Berühmtheit erlangte. Seine Objekte sind unter anderem im Magdeburger Kunstmuseum Kloster Unserer Lieben Frauen zu sehen.

1000 Kreuze für die Hospizbewegung

Bei einem ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin erblickten die von Dieter Lahme geschaffenen Lebenskreuze erstmals das Licht der Öffentlichkeit. „Die runden Formen meines Lebenskreuzes umarmen den Menschen“, sagt der Künstler. Die Lebenskreuze aus Holz lassen sich gut in die Hand nehmen und befühlen. Sie geben den Menschen Halt und verbinden sie mit Gott. Mittlerweile sind die Holzkreuze von Dieter Lahme ein fester Bestandteil auf Kirchentagen. Zusammen mit seiner Frau Rosl veranstaltet Lahme Workshops, bei denen die Teilnehmer ihre ganz persönlichen Lebenskreuze mit allerlei Accessoires gestalten.

Allein die Internationale Hospizbewegung hatte bei Lahme 1000 Holzkreuze bestellt. „Das war der Punkt, an dem Dieter nicht mehr selbst sägen konnte. Wir mussten uns Produzenten suchen, die uns bei Bedarf die Holzkreuze zuliefern“, sagt Rosl Lahme. Sie wickelt den weltweiten Verkauf über das Internet ab. Auf das Lebenskreuz hat Dieter Lahme ein europaweites Patent.

Seinen 80. Geburtstag wird Dieter Lahme zusammen mit seiner Frau Rosl sowie Tochter und Schwiegersohn ganz in Ruhe in einem Haus in Kandern im Südschwarzwald verbringen. „Wir wollen eine Woche gründeln und uns in Museen viel Kunst ansehen“, freut sich Lahme auf ruhige Tage in der alten Heimat in der Nähe von Basel.