Osterweddingen l Schockstarre. Weit aufgerissene Augen. Ungläubiges Staunen. Bloß weg hier. Das waren die Reaktionen der Kinder und Jugendlichen, als sie am frühen Abend, gleich nachdem es dunkel geworden war, an ihren Treffpunkten in Osterweddingen Besuch von der Polizei und dem Ordnungsamt bekamen.

„Bekomme ich jetzt einen Brief nach Hause?“ – „Bin ich jetzt vorbestraft?“ – „Erzählen Sie auch meiner Mutter und meinem Papa davon?“

Das waren Fragen, die Polizeioberkommissar Dirk Böschel und sein Kollege Polizeiobermeister Rene Krätzig sowie die Sachbearbeiterin aus dem Ordnungsamt der Verwaltung der Gemeinde Sülzetal, Yvonne Kind, beantworten mussten, als der erste Schreck bei den frisch Ertappten gewichen war. Dabei war die Angst völlig unbegründet. Waren doch die drei Streifengänger durchweg verständnisvoll und umsichtig, aber eben auch energisch und unnachgiebig.

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Komplettstreife

Die Komplettstreifen der beiden Regionalbereichsbeamten zusammen mit ihrer Kollegin war notwendig geworden, weil sich die Beschwerden aus Osterweddingen von Anwohnern der Grundschule und aus dem „Rusches Hof“ des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) häuften. „Uns wurde gesagt, dass dort an der Grundschule und an dem Heim des DRK Jugendliche betteln, randalieren, Krach und Blödsinn machen“, berichtet Krätzig gegenüber der Volksstimme. Diese Art der Kontrolle, auch auf dem Sportplatz, sei unverzichtbar, schlichtweg, um auch die Maßnahmen im Rahmen der Bekämpfung der Coronapandemie durchzusetzen.

Krätzig: „Regelmäßig, in unregelmäßigen Abständen führen wir diese Art der Corona-Kontrollstreifen zwei Mal pro Woche in allen Orten des Sülzetals durch. Auf unseren Rhythmus kann sich keiner einstellen. Mal sind wir um 18 Uhr in Altenweddingen, mal um 19 Uhr in Langenweddingen unterwegs. Gerade jetzt häufen sich die Beschwerden, dass sich Bürger beim Einkaufen nicht an die Mund-Nasen-Schutz-Regel halten. Oft treffen sich dann hier auch mehrere Personen vor den Geschäften, was derzeit ja auch verboten ist. Wir versuchen, das dann immer den Menschen vernünftig zu erklären.“ Solche Rundgänge seien im Amtsdeutsch in der Rubrik „Strafprozess- und gefahrenabwehrende Maßnahmen“ vorgesehen.

15 Minuten vor dem Start in Osterweddingen ruft Krätzig pünktlich einen Kollegen in Haldensleben, den „Leitenden Einsatzbeamten vom Dienst“ (LEVD), an. Ihm teilt er mit, dass die Funkwagenbesatzung Osterweddingen nun mit dem Ordnungsamt eine Streife durchführen wird. „So wissen die Kollegen, dass wir draußen im Einsatz sind. Sie kennen Ort und Grund. Falls wir Unterstützung brauchen, wissen sie sofort, wo sie hin müssen.“

Solche Kontrollen außerhalb der regulären Dienstzeit seien gerade bei den Jugendlichen, unverzichtbar. „Nur so treffen wir sie an und können sie gezielt ansprechen. So lange es funktioniert, mischen wir uns nicht ein. Aber jetzt, wo es diese Beschwerden gibt, müssen wir aktiv werden“, unterstreicht Polizeioberkommissar Böschel.

In solchen Fällen müssten er und sein Kollege Krätzig gleich zu Beginn ran, damit diese Art der Treffpunkte nicht noch mehr ausarte. „Hier müssen wir jetzt Präsens zeigen. Die Kinder und Jugendlichen haben dort im Umfeld der Grundschule und an dem Altenheim nichts zu suchen.“ Der Bürgermeister des Sülzetals, Jörg Methner (SPD), hat sein Ordnungsamt beauftragt, die beiden Regionalbereichsbeamten zu unterstützen. Aus diesem Grund ist auch Sachbearbeiterin Kind mit dabei.

Die Zusammenarbeit mit der Polizei lobt Methner. „Das funktioniert sehr gut. Gemeinsam suchen wir Örtlichkeiten auf und das natürlich zu Zeiten, wo keiner mit uns rechnet“, betont Sozialdemokrat Methner ausdrücklich, „wir haben einfach die Pflicht, Sachwerte zu schützen. Die Umzäunung an der Grundschule in Osterweddingen ist da. Jetzt werden wir auch noch im vorderen Bereich des Zugangs zum Schulhof die Verschlusssicherheit für die Zukunft herstellen.“

Hinter der Grundschule treffen die drei Patrouillengänger auf die erste Gruppe. Hier sitzen fünf Kinder und ein Jugendlicher im Dunkeln zusammen. „Das ist ein Schulgelände. Ihr habt hier gar nichts verloren“, warnt Böschel die aufgescheuchten Kinder, „ich notiere mir jetzt euren Namen. Für heute bleibt es für dieses Mal bei einer kostenfreien Verwarnung.“ Vom Alter her hätten die Mädchen und Jungen um diese Uhrzeit an der Grundschule gar nichts mehr, zu suchen. Böschel: „Im Endeffekt ist das heute Abend nur ein Platzverweis. Dabei werden wir es auch belassen – wenn sie nicht mehr auffallen.“

Auf der Parkbank

Keine 50 Meter weiter begegnen die Drei bei ihrer Patrouille der nächsten Gruppe von Jugendlichen, die es sich auf einer Parkbank, keine 20 Meter entfernt vom Eingang zum „Rusches Hof“, gemütlich gemacht haben. An dieser Stelle wird den Mädels und Jungs klipp und klar gesagt, dass die Corona-Maßnahmen auch für sie gelten würden. Sachbearbeiterin Kind: „Feierabend für heute. Ihr räumt jetzt noch all den Müll zusammen und bringt ihn in die Tonne und anschließend geht’s ab, nach Hause. Heute zieht Ihr nicht mehr weiter. Wer beim nächsten Mal wieder dabei ist, für den wird es kostenpflichtig.“

Beim Rückweg zum Dienstwagen stößt die Nachtstreife noch im Park auf die dritte Gruppe. Sie hatten sich schon mit einem Kasten mehr oder weniger alkoholischer Kaltgetränke eingedeckt. Auch hier werden die Personalien aufgenommen. Auf die Frage, wo sie denn hin sollten, es gebe ja keinen Treffpunkt für Jugendliche, haben die Beamten natürlich auch keinen Rat, außer dass dies in der politischen Diskussion sei.

Am Sportplatz

Den Schlusspunkt an diesem Abend bei der Patrouille in Osterweddingen von Polizei und Ordnungsamt macht noch ein Rundgang auf dem absolut stockfinsteren Sportplatz. Im Dunkeln, bei leichten Minusgraden, treffen auch hier die beiden Polizisten zusammen mit ihrer Kollegin aus der Verwaltung auf der Bank, dort wo normalerweise Ersatzspieler und Trainer sitzen, auf eine Gruppe von Jugendlichen.

Auch hier nehmen Dirk Böschel und Rene Krätzig die Personalien der jungen Männer und Frauen auf. Auch hier gibt es eine Ermahnung und die gut gemeinte, aber allerletzte Verwarnung: „Noch hat diese Liste hier aktuell keine Folgen, aber ...“