Dorfgeklapper

Wohnungsbau mit Hindernissen: Störche mussten in Ummendorf erst die „Erschließung“ abwarten

Nach langer Zeit und einigen vergeblichen Anläufen scheint in Ummendorf wieder eine Storchenpaar heimisch werden zu wollen. Doch die Ansiedlung gestaltet sich schwierig und hürdenreich. Die Geschichte einer Wohnungssuche.

Von Ronny Schoof
Erst verhinderter, dann unterstützer Nestbau über der Maulbeergartenstraße in Ummendorf. Der von der Avacon installierte Baugrund ist bei den Störchen offenbar auf Akzeptanz gestoßen.
Erst verhinderter, dann unterstützer Nestbau über der Maulbeergartenstraße in Ummendorf. Der von der Avacon installierte Baugrund ist bei den Störchen offenbar auf Akzeptanz gestoßen. Fotos: Reinhard Falke

Ummendorf - Mitte Juni waren die aufmerksamen Dorfbewohner freudig gespannt, da sich ein Weißstorchpaar offenbar anschickte, ein Nest herzurichten. „Besonders die Anlieger im Maulbeergarten waren froher Hoffnung“, berichtet Bürgermeister Reinhard Falke, denn die Platzwahl der Adebars fiel auf jene Nebenstraße. An exponierter Stelle auf einem Freileitungsstrommast deutete sich der Wohnungsbau an, wenngleich auch etwas plump und provisorisch.

Logis auf Heinemanns Hof ausgeschlagen

„Zugegeben, nicht unbedingt ein idealer Ort für einen Storchenhorst“, konstatiert Falke, „aber die Vögel haben da halt ihren eigenen Kopf. Störche sind Kulturfolger, sie suchen die Nähe des Menschen. Manchmal bauen sie eben an ungeeigneter Stelle.“ Es sei nämlich mitnichten so, dass die Gemeinde nicht schon längst versucht hätte, Störche ins Dorf zu locken, indem ihnen ein vorzüglicher Bau- und Brutplatz quasi zum Nulltarif zur Verfügung gestellt wird: „Wir haben seit Jahren auf dem Dach auf Heinemanns Hof eine Nisthilfe installiert. Es haben sich auch schon Störche dafür interessiert und sie in Augenschein genommen. Doch es kann laut Fachleuten bis zu 15 Jahre dauern, bis eine Nisthilfe tatsächlich auch angenommen wird.“ Bislang ist Heinemanns Hof in seiner schicken Rustikalität und obendrein mit Garten und Teichnähe bei den Ciconias, so der wissenschaftliche Name des Weißstorchs, jedoch keine gefragte Wohngegend.

Abweiser statt Unterstützung

Auch hatte der Bürgermeister schon mal Kontakt zur Avacon aufgenommen, „um eine Nisthilfe auf dem Trafohäuschen in der Wormsdorfer Straße zu installieren.“ Der Energieversorger habe das abgelehnt. Die Avacon trat nun zwangsweise in Erscheinung, als die Störche die Mastspitze im Maulbeergarten in Beschlag genommen hatten. Bisweilen regte sich darüber Unmut, weil man einen unerlaubten Eingriff der Avacon befürchtete. Mittlerweile haben sich die Gemüter wieder beruhigt und könnte die Maulbeergartenstraße tatsächlich dauerhaft neue Anwohner bekommen.

Was zunächst für Verdruß sorgte: „Am 18. Juni hat die Avacon als Eigentümer und Betreiber der Elektroleitungsmasten sozusagen ganze Arbeit geleistet“, legt Falke dar. „Angerückt mit schwerer Technik, wurde das Nest kurzerhand zerstört und auf den Boden geworfen. Zusätzlich wurden noch Abweiser installiert, die einen Neubau verhindern sollen.“ Nicht nur der Bürgermeister sei „sehr ungehalten“ darüber gewesen. „Wir hatten uns ja das genaue Gegenteil gewünscht, dass die Störche vielleicht Unterstützung erhalten statt sie zu verscheuchen.“

Unmut schwenkt in Dankbarkeit um

In den Tagen darauf war auch keine Storchenaktivität mehr in Ummendorf festzustellen. Man war schon im Begriff, die Protestkeule gegen die Avacon-Aktion zu schwingen, zumal laut Falke Hinweise des Storchenbeauftragten Wolfgang Nicolai aus Gröningen vorlagen, dass die Avacon dazu keine Berechtigung gehabt habe. Doch ehe der Lärm anschwellen konnte, glättet das Unternehmen die Wogen in Eigenregie.

Die Anwohner wurden über eine temporäre Stromabschaltung am 1. Juli informiert. Der Grund offenbarte sich dann mit dem Anrücken der Techniker: Eine Nisthilfe sollte installiert werden. „Das fanden wir ganz toll“, zeigt sich Reinhard Falke versöhnlich. „Großes Lob an den Energieversorger für sein nachhaltiges Handeln. Damit beweist die Avacon Regionalität, Naturschutz, Tierschutz und Umweltschutz. Die Störche haben den Mast sofort wieder in Besitz genommen und angefangen zu bauen.“

Offizielle Wohnerlaubnis

Avacon-Pressesprecherin Corinna Hinkel erklärte auf Volksstimme-Nachfrage: „Da wir die Störche nicht gefährden wollten, haben wir das im Bau befindliche Nest entfernt und die Gemeinde darüber informiert. Die Vogelabweiser wurden zum Schutz der Störche als Übergangslösung bis zum Aufbau der Nisthilfe installiert.“

Generell sei ein Nestbau „direkt auf Strommasten sowohl für die Störche als auch für die Versorgungssicherheit nicht ungefährlich“, so Hinkel weiter. Trotz Isolierung der spannungsführenden Teile könne es durch herunterhängende Teile oder beim Anflug zur Überbrückung der Leiterseile kommen. Das ziehe dann womöglich Kurzschlüsse und Verletzungen der Störche nach sich. „Daher sind wir immer bestrebt, Alternativen anzubieten – entweder durch Nisthilfen auf dem ausgesuchten Mast oder durch Anbieten eines alternativen Standorts“, betont die Avacon-Sprecherin.

Die aufgebaute Nisthilfe habe das Unternehmen vom Storchenhof Loburg erworben. „Die Störche haben sie dankbar angenommen“, hat auch Corinna Hinkel in Erfahrung gebracht. „Durch den Abstand, die die Konstruktion bietet, können die Störche nun ungefährdet ihr Nest auf unserem Mast weiterbauen.“

Vorfreude auf Jungstörche

„Jetzt bleibt abzuwarten, ob das Storchenpaar auch bleibt beziehungsweise nach dem Winter wiederkommt“, so Reinhard Falke. „Mit Familienzuwachs wird es dieses Jahr bestimmt nichts mehr, die Brutsaison dürfte vorbei sein, aber ich bin optimistisch, dass wir im nächsten Jahr auch ein paar Ummendorfer Jungstörche zu sehen bekommen.“ Zugleich ist sich der Bürgermeister bewusst: „Störche bedeuten natürlich einige negative Begleiterscheinungen wie lautes Klappern in den frühen Morgenstunden und Exkremente auf der Straße. Doch das gehört zum Dorfleben eben dazu, und wir als Gemeinde werden auch bemüht sein, den Platz sauber zu halten.“