Wernigerode l Sie sind zerkratzt, verwittert, zum Teil zerschlagen – die Keramikgefäße, die unter dem Wernigeröder Rathaus lagern. Für Banausen ist das nur ein Haufen alter Scherben. Diese Töpfe, Krüge und Urnen sind aber so viel mehr – geben sie doch Auskunft über die allerersten Siedler im Raum Wernigerode – über das Leben unserer Ahnen.

Wann immer Alexandra Runschke ein wenig Zeit findet, steigt sie die Stufen zum Rathauskeller hinab, um zu stöbern. Mehrere Türen muss die junge Archäologin aufschließen, bis sie ins Allerheiligste vordringt. Die Regale in dem winzigen Raum reichen vom Boden bis an die Decke, sie sind mit zig Kartons vollgestellt. Darin verstaut – Keramik, Steinwerkzeuge, Alltagsgegenstände, Jahrtausende alte Knochen – zusammengefasst: die archäologische Sammlung des Wernigeröder Harzmuseums.

„Das ist hier ist unheimlich spannend“, sagt Alexandra Runschke. Seit einem Jahr arbeitet die gebürtige Wasserlebenerin im Museum. Neben Marketingaufgaben und der Museumswebsite kümmert sich die 35-Jährige um die archäologische Sammlung.

Bilder

Bandkeramik aus Minsleben

Die ältesten Stücke sind etwa 7500 Jahre alt und historisch gesehen ein echter Schatz. Wie der dunkelgraue Kumpf beispielsweise. Das bohlenförmige Gefäß wurde vor vielen Jahrzehnten bei Grabungen in Minsleben entdeckt. „Es ist ganz typisch für die Region“, sagt Alexandra Runschke und deutet auf die feinen Striche und Formen, die in die Außenseite des Topfes eingearbeitet sind. Das Gefäß ist ein Beispiel für die Linienbandkeramische Kultur der Jungsteinzeit – eine der faszinierendsten Epochen der Menschheitsgeschichte, stellt sie doch den Übergang von der Lebensweise der Jäger und Sammler zu den ersten Bauern dar.

„Die Menschen bauten Häuser und wurden sesshaft. Sie betrieben Ackerbau und hielten Vieh“, erläutert die Expertin. Um ihre Vorräte zu lagern, brauchten sie Gefäße – daher die vielen Keramikfunde aus jener Zeit. Auch der Umgang mit den Verstorbenen habe sich verändert. Die Körper wurden im Boden bestattet. „Weil die Menschen an ein Leben nach dem Tod glaubten, legten sie den Verstorbenen ins Grab, was diese zu Lebzeiten brauchten und liebten.“ Darunter Schmuck, Kleidung und eben Lebensmittel in Keramikgefäßen. „Solche Funde sind für uns Archäologen dann außerordentlich spannend.“

Noch eine weitere einschneidende Änderung brachte die neue Lebensweise für die Menschen von damals mit sich. „Sie zäunten ihre Besitztümer ein“, sagt Runschke. „Es gab Privateigentum. Und das verursachte Neid und erste kriegerische Handlungen.“

Äxte zeugen von Gewalt und Holzfällern

Die Hiebspuren in einigen entdeckten Schädeln passen zu den Werkzeugen aus jener Zeit. Die Menschen der Jungsteinzeit schliffen und polierten geeignete Steine und schnürten sie an starke Äste. Diese Werkzeuge nutzten sie wie eine Axt. Sie fällten Bäume und bearbeiteten das Holz. Und falls notwendig, dienten die Äxte eben auch als Waffen.

Die Begeisterung ist Alexandra Runschke ins Gesicht geschrieben, wenn sie über die Bedeutung der Fundstücke im spricht. „Es ist für uns Menschen doch wichtig zu wissen, woher wir kommen.“ Und die Fundstücke seien der Schlüssel dafür.

Die junge Frau weiß, wovon sie spricht, war sie doch selbst schon bei Ausgrabungen dabei. „Ich habe an der Kreisgrabenanlage bei Goseck mitgegraben, jeden Sommer.“ Für Geschichte interessierte sie sich seit ihrer Kindheit. „Mein Vater hat da seinen Anteil dran.“ Mit ihm habe sie Kinderbücher über die Steinzeit gelesen. „Später stand für mich fest, ich muss irgendwas mit Geschichte machen.“ Sie wagte es, studierte Archäologie und Geschichte in Halle. Danach arbeitete sie im Landesamt, bis es sie nach dem Babyjahr zurück in die Harzer Heimat und in das Wernigeröder Museum verschlug.

Sonderausstellung zu Bestattungsformen

Und im Harzmuseum ist sie mit einem weiteren Projekt beschäftigt. Sie bereitet eine archäologische Sonderausstellung vor. „Es geht um Bestattungsformen. Wir wollen den Toten eine Stimme verleihen“, verrät sie. Währenden der Arbeiten an der B 6n im Jahr 2001 hätten Archäologen einen „spektakulären“ Fund gemacht – die Totenhütte von Benzingerode, eine Grabanlage aus der Jungsteinzeit mit etwa 40 Skeletten und Teilskeletten. „Die Totenhütte bildet den Schwerpunkt unserer Ausstellung.“ Bis zur Eröffnung müssen wir uns allerdings noch ein bisschen gedulden. Sie ist für Februar 2021 geplant.