Wernigerode l Von plumper Toustistenware über den vermuteten Millionenfund aus dem Internetauktionshaus bis hin zum Schatz vom Sperrmüll: Höchst unterhaltsam haben Dr. Christian Juranek und Friedrich Häußer am Sonntag im Schloss zweieinhalb Stunden lang diverse Kunstobjekte aus Wernigeröder Haushalten begutachtet. „Wir sind ein eingespieltes Team, aber nicht immer einer Meinung. Das werden Sie noch merken“, kündigte Schloss GmbH-Geschäftsführer Christian Juranek zu Beginn an.

Jahr für Jahr nimmt er zum Museumsfrühling mit einem geladenen Experten die Objekte, die vorab eingereicht werden, unter die Lupe. „Ich fiebere schon Wochen zuvor dieser Veranstaltung entgegen“, gestand Friedrich Häußer, bekannt aus der Fernsehsendung „Bares für Rares“. Diesmal seien besonders viele Gemälde eingereicht worden.

Eines hatte der Wernigeröder Jürgen Wolke mitgebracht. „Ich habe es auf dem Sperrmüll gefunden“, sagte der frühere Küster. „Ich fand es so schön, dass ich es restaurieren ließ.“ Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte. „Wir sind beide angetan von dem Werk“, sagte Häußer. „Die Qualität der Malerei ist gut.“ Das Bild sei in der Spätromantik entstanden. Es zeigt ein Alpenpanorama. „Caspar David Friedrich muss es schon gegeben haben, so wie der Himmel gemalt ist“, stellte Christian Juranek fest. „Der klare blaue Himmel und die Beleuchtung deuten darauf hin. Ich schätze, es wurde zwischen 1850 und 1860 gemalt.“ Da der Künstler unbekannt sei und Alpenpanoramen im Harz nicht besonders gefragt sind, liege der Wert bei etwa 600 Euro. „Immerhin“, so Jürgen Wolke.

Bilder

Gleich vier Fundstücke hatte Thomas Friedrich mitgebracht. Mindestens zwei hätte ihm Christian Juranek gerne für die auf das 19.?Jahrhundert spezialisierte Sammlung abgekauft. Eine Ruhestandsurkunde eines Pfarrers, unterzeichnet von Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, damals Vize-Kanzler unter Bismarck. „Die Pfarrer wurden bis 1918 vom Grafen ernannt und entlassen“, so Juranek. Eine preußische Beamtenuniform hatte Friedrich in Ilsenburg bei der Altkleidersammlung schon zu DDR-Zeiten entdeckt. „Leider habe ich sie reinigen lassen“, sagte er. Sie habe einem Amtsdiener in den 1890er Jahren gehört, erläuterte Juranek. „Das ist derjenige, der Vorladungen zu Gericht gebracht hat.“ Preis für Urkunde und Uniform schätze er je auf 200 bis 250 Euro.

Doch kein Millionenfund

Für Verwirrung sorgte das Gemälde, das ein junger Mann auf Ebay ersteigert hatte. Juranek und Häußer dachten kurz an einen Millionenfund, erinnert das Bild doch sehr an die Motivik und Malweise Ernst Ludwig Kirchners, eines Mitbegründers der Dresdner Malgruppe „Die Brücke“. „Auf den ersten Blick dachten wir: Wir haben ein paar Millionen in der Hand“, so Häußer.

Nach genauerer Betrachtung waren die beiden Experten überzeugt, dass es sich entweder um eine Fälschung oder um eine Anlehnung an Kirchners berühmte „Straßenszenen“ handelt. „Ganz sicher kann man das mit einer Spektral- und Pigmentanalyse herausfinden“, so Juranek. „Sollte es ein Kirchner sein, dann lohnt die Recherche.“ Was dagegen spreche sei die Flächenverteilung auf dem Gemälde: Das Bild wirke wie reingezoomt. Typische Freiräume wie bei Kirchner fehlen. „Und er hat immer Öl auf Leinwand gemalt“, sagt Häußer. „Oft hat er die Leinwand doppelt bemalt.“ Das Bild des Gastes sei augenscheinlich auf Pappe gemalt. „Um 2010 gab es eine neue Welle an Kircher-Fälschungen“, so der TV-Fachmann.

Wertvolle Bauhaus-Vase

Einige vermeintliche Gemälde konnten Juranek und Häußer als Öldrucke entlarven; Täuschung. Eine schlichte braune Vase stellte sich derweil als überraschend wertvoll heraus. Sie stammt aus den Dornburger Werkstätten aus der Bauhaus-Zeit, so Juranek. „Viele der wichtigsten Keramikerinnen waren dort tätig.“ Die Vase sei mehrere Hundert Euro wert.

Ins Schmunzeln gerieten die Experten bei einem Gemälde, das der Opa einer Besucherin von einer Reise mitgebracht hatte. „Meine Oma mochte das Bild nicht wegen der Damen mit den blanken Busen“, sagte die Frau. Das Bild ist von dem amerikanischen Künstler Alfred Morang (1901-1958), so Friedrich Häußer. Er habe hauptsächlich Landschaften gemalt. „Ich hatte es fälschlicherweise für ein 1970er Jahre-Bild gehalten“, gestand Christian Juranek. Das für seine Zeit durchaus freizügige Werk mit dem Titel „Free Women“ sei jedoch schwer auf dem Markt zu verkaufen. „In den USA oder Südamerika würden sie einen guten Preis erzielen“, so Häußer. Allerdings sei es wegen des Zolls teuer, das Bild überhaupt über den Atlantik zu bringen. Zum Erstaunen der Besitzerin meldeten gleich mehrere Gäste aus dem Publikum Kaufinteresse an.