Wernigerode l Funken fliegen. Ruß liegt in der Luft. Es wird mit Hämmern gearbeitet, mit überdimensionalen Schraubenschlüsseln. Der Anblick der Werkstatt der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) in Wernigerode muss ihnen vorkommen wie eine Reise in die Vergangenheit. 27 Lehrlinge der S-Bahn Berlin, einem 100-prozentigen Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, sind derzeit zu Gast in Wernigerode.

Normalerweise arbeiten sie an einer hochmodernen, elektrischen Schnellbahn – nun lernen sie die technischen Raffinessen einer traditionellen Dampfeisenbahn kennen. Dieser „Blick über den Tellerrand“ ist ein Bestandteil einer Kooperation, die in dieser Woche mit den Unterschriften von Matthias Wagener, Geschäftsführer der HSB, sowie Christoph Wachendorf, Geschäftsführer Personal der S-Bahn Berlin, besiegelt wurde.

Zusammenarbeit seit sechs Jahren

Dabei reicht der gegenseitige Erfahrungsaustausch schon sechs Jahre zurück, berichtet der HSB-Sprecher Dirk Bahnsen. „Erst im vergangenen September weilte eine 16-köpfige Gruppe von HSB-Lehrlingen und Betreuern drei Tage in der Hauptstadt, um die Werkstätten und weitere Bereiche der Schnellbahn kennenzulernen.“ Beide Unternehmen wollen mit der nun schriftlichen Vereinbarung die gegenseitigen Besuche zu festen Bestandteilen der Ausbildung erheben.

„Es ist eine auf den ersten Blick außergewöhnlich wirkende Zusammenarbeit“, sagt Bahnsen. Doch gerade der Kontrast zwischen den Unternehmen und die Möglichkeit, durch gegenseitigen Austausch zusätzliche Kenntnisse und Fertigkeiten zu erlernen, bieten eine wichtige Bereicherung insbesondere für die Ausbildung des jeweiligen beruflichen Nachwuchses, betont der HSB-Sprecher.

Die Lehrlinge aus der Hauptstadt sind überrascht von der Wernigeröder Werkstatt. „Die Arbeit hier ist schmutziger, aber auch spannender“, sagt Matthäus Prill. „Die Bahnen hier sind fahrende Geschichte.“ Der 34-Jährige ist im zweiten Ausbildungsjahr. Da er nur wenig Perspektiven in seinem ersten Lehrberuf als Drucker sah, entschied er sich für den beruflichen Wechsel.

Exkursionen und soziale Projekte

Auch Jennifer Pankow hat vor der Ausbildung bei der S-Bahn als Elektonikerin bereits einen Beruf erlernt, als Einzelhändlerin. An der neuen Arbeit reize sie besonders die Technik. „Es ist ein spannender, abwechslungsreicher und sicherer Job“, sagt die 24-Jährige. Der Unterschied zwischen HSB und S-Bahn sei gewaltig. „Als Berlinerin ist das schon ein komischer Anblick. Aber die historischen Loks sind schön.“

Die beiden Unternehmen möchten mit ihrer Zusammenarbeit aber nicht nur die überfachliche Qualifikation und Methodik der jungen Berufsanfänger fördern, sagt Dirk Bahnsen. „Eine wichtige Rolle spielt in diesem Rahmen auch die Entfaltung kultureller und sozialer Kompetenzen.“ Bei den Besuchen stehen Exkursionen zu Sehenswürdigkeiten sowie Arbeitseinsätze für soziale Projekte auf der Tagsordnung – etwa bei der gemeinnützigen Parkeisenbahn in der Berliner Wuhlheide. Mittlerweile seien Freundschaften zwischen den Berlinern und den Wernigerödern entstanden.

Die Harzer Ausbildenden freuen sich schon jetzt auf ihre „Dienstreise“ nach Berlin im kommenden Jahr, versichert Dirk Bahnsen. Aktuell gibt es zwölf Lehrlinge zum Industriemechaniker und drei zu Kaufleuten für Büromanagement. Seit rund 20 Jahren ist die HSB Ausbildungsbertieb. Mehr als 50 Lehrlinge haben laut seit 1997 einen Beruf bei den Schmalspurbahnen erlernt, darunter Industriemechaniker, Bürokaufleute, ein Energieelektroniker sowie ein Fachinformatiker.