Wernigerode

Ausgrenzung? Nein danke!

Sie kommen aus verschiedenen Kulturen. Dennoch schmücken alle im Harzblick-Jugendclub zusammen den Weihnachtsbaum und feiern Zuckerfest am Ende des Ramadans.

Von Johanna Ahlsleben
Stadtjugendpfleger Marcel Völkel setzt auf Akzeptanz unter den Jungen und Mädchen, die in die Clubs Wernigerodes kommen. Bei Konflikten gilt: Körperliche und verbale Gewalt ist tabu.
Stadtjugendpfleger Marcel Völkel setzt auf Akzeptanz unter den Jungen und Mädchen, die in die Clubs Wernigerodes kommen. Bei Konflikten gilt: Körperliche und verbale Gewalt ist tabu. Foto: Johanna Ahlsleben

Wernigerode - Rassismus, Homophobie, Sexismus sowie Fremdenfeindlichkeit sind in der heutigen Gesellschaft mitunter Anlässe für hitzige Debatten. Und Diskussionen entstehen insbesondere dort, wo Menschen mit verschiedenen Sichtweisen aufeinandertreffen.

Auch in den vier Jugendtreffs der Stadt Wernigerode kommen Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen Überzeugungen zusammen. Da kann der ein oder andere Kommentar doch bestimmt schnell zum Funken im Pulverfass werden, oder? Die Volksstimme wollte es genau wissen und ist mit Stadtjugendpfleger Marcel Völkel ins Gespräch gekommen.

Neutrale Bereiche

Der 42-Jährige ist seit vielen Jahren in dem Job tätig, kennt die Szene in den städtischen Clubs bestens und spricht auch für seine anderen Kollegen. Sein Fazit fällt klar aus: In den Clubs gebe es keinen Platz für Fremdenfeindlichkeit. „Alle Jugendtreffs sind neutrale Bereiche“, betont der Jugendsozialarbeiter stellvertretend. Jeder, der kommen mag, könne das tun. Unter der Maßgabe, dass niemand für seine Gesinnung werbe. Egal, ob gegen Ausländer oder beispielsweise Homosexuelle. Denn aus der Sicht aller Stadtjugendpfleger sei jedes Kind und jeder Jugendliche gleichwertig.

Dennoch gebe es, wenn auch eher selten, Situationen, bei denen Aussagen wie „Ey, du Kanake“ in den Kindergruppen fielen. Jugendpfleger Völkel denkt aber, dass diese Worte meist nicht wirklich so gemeint sind. Denn besonders bei Kindern sei es oft so, dass sie vieles in ihrem Umfeld aufschnappen und einfach weitersagen. Manchen sei dessen Bedeutung mitunter einfach nicht ganz klar, beschreibt Völkel. In einem offenen Gespräch würden solche Äußerungen gemeinsam reflektiert. Aber in den meisten Fällen, bemerke er, werde sehr viel Taktgefühl bewiesen.

Akzeptanz

So kann sich Marcel Völkel noch gut an einen Jungen erinnern, der seit der ersten Klasse regelmäßig mit seiner Clique in den Jugendtreff im Harzblick gekommen ist. Mit der Zeit sei deutlich geworden, dass er sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühle. Davon habe auch sein Freundeskreis mit der Zeit Notiz genommen. Doch anstelle von ständigen homophoben Kommentaren und gänzlicher Ausgrenzung akzeptierten sie seine Homosexualität. „Der springende Punkt war, dass er immer ein guter Freund gewesen ist“, erzählt der 42-jährige Wernigeröder.

Doch wirklich akzeptiert scheinen Homosexuelle in unserer Gesellschaft immer noch nicht. Für die meisten Deutschen ist es laut einer im Jahr 2018 vom Marktforschungsunternehmen Civey erstellten Umfrage kein Problem, wenn sich ein heterosexuelles Paar in der Öffentlichkeit küsst. Jedoch fühlen sich knapp 24 Prozent der Befragten belästigt, wenn zwei Frauen Zärtlichkeiten austauschen. Deutlich größer ist die Ablehnung gegenüber schwulen Paaren, die sich öffentlich küssen. Die Civey-Umfrage zeigt, dass sich 43 Prozent der Deutschen davon belästigt fühlen.

Konfliktpotenzial

Neben der Homosexualitäts-Debatte flammt aber auch die um das Thema Sexismus immer wieder auf. Geschlechterrollen wie, der Mann bringt das Geld nach Hause und die Frau wartet hinter dem Herd auf ihn, scheinen längst nicht mehr zeitgemäß. Dennoch ist sie in verschiedenen Kulturen scheinbar weiterhin fest verankert.

Diese allgemeinen gesellschaftlichen Beobachtungen haben auch die Wernigeröder Stadtjugendpfleger gemacht. Insbesondere dann, wenn beispielsweise Kinder mit Migrationshintergrund vor weiblichen Besuchern, die ihnen Contra geben, ihren „Mann“ stehen wollen, skizziert Marcel Völkel. Das berge manchmal Konfliktpotenzial.

Zwei Grillflächen

Doch aus der Sicht des Stadtjugendpflegers sind Konflikte zwischen den Kindern und Jugendlichen zwar nicht immer schön, aber wichtig. Denn ohne sie gebe es kein buntes Miteinander. „Vieles klären sie auch untereinander“, hat Völkel beobachtet. Aber jeder Besucher in den Clubs wisse, dass verbale und körperliche Gewalt in den Jugendtreffs tabu ist.

„Heute ist unsere Gesellschaft einfach offener für Minderheiten und dadurch bunter“, sagt Marcel Völkel mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Akzeptanz, mit der sich Jugendliche begegnen, findet er schön.

So gibt es beispielsweise im Jugendtreff im Stadtteil Harzblick zwei Grillflächen. Auf der einen werde Schweinefleisch gegrillt und auf der anderen aus Respekt für muslimische Kinder und Jugendliche nicht.

Corona-Modus

„Während wir alle zusammen den Weihnachtsbaum schmücken“, erzählt Völkel, „wollen wir in Zukunft auch gemeinsam das Zuckerfest am Ende des Ramadans feiern“. Hier bringen die Eltern der Kinder und Jugendlichen typische nationale Speisen vorbei, die dann alle zusammen genießen.

Doch das geplante Zuckerfest vom 12. bis 13. Mai konnten die Jungen und Mädchen angesichts der aktuellen Pandemie-Entwicklung nicht gemeinsam im Jugendtreff zelebrieren. Die Clubs arbeiten derzeit im Corona-Modus. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen findet in festen Zeitfenstern statt, der Treff im Harzblick unterliegt Zugangsbeschränkungen. Für die Stadtjugendpfleger bedeutet das, dass die Arbeit im Quartier einen größeren Zeitanteil einnimmt. So suchen die Sozialarbeiter die Jugendlichen an ihren gewöhnlichen Treffpunkten auf und schauen, ob alles in Ordnung ist. Damit der Kontakt nicht gänzlich abbricht, bleiben alle via sozialer Medien wie WhatsApp und Instagram miteinander vernetzt. Laut Völkel gibt es eine Gruppe, wo sich Jungen und Mädchen austauschen können und auf dem neusten Stand bleiben. Auch dort haben feindliche Kommentare keinen Platz – lustige Bilder dafür umso mehr.