Volksstimme: Frau Jostes, vergibt sich das Hotel- und Gaststättengewerbe eine Chance, wenn die Branche sich nicht auf Ältere und Behinderte einstellt?

Gudrun Jostes: Es gibt eine Zielgruppe – ich nenne sie „die neuen Älteren“ – die reist unwahrscheinlich gern und viel, vor allem innerhalb Deutschlands. Diese Zielgruppe achtet sehr genau darauf, ob ein Hotel barrierefrei gestaltet ist. Leider werden immer noch Hotels geplant und gebaut, ohne auf Barrierefreiheit zu achten. Es ist schade, wenn die Betreiber mich erst kontaktieren, wenn sie merken, dass ein Bedarf da ist – und nicht schon in der Planungsphase, wo man noch alles umsetzen kann.

 

Vielleicht tun es viele Betreiber auch nur als Trend ab?

Die Bedürfnisse der Gäste ändern sich. Barrierefreie Zimmer sind nicht nur für Ältere attraktiv. Auch Familien mit kleinen Kindern gehen lieber in Zimmer, in denen sie sich frei bewegen können.

Was hat Ihr Interesse an dieser Facette in der Architektur geweckt?

Ich habe zunächst als Staatlich anerkannte Erzieherin gearbeitet, komme also ursprünglich aus dem sozialen Bereich. Ich habe mich dann aus Interesse entschieden, Architektur zu studieren. Als ich vor 25 Jahren an der Uni Kassel studiert habe, hatte man das Thema barrierearmes Bauen noch gar nicht auf dem Schirm. Im Gegenteil: Ich musste feststellen, dass die damalige Art, wie man geplant und gebaut hat, nicht die Bedürfnisse der Menschen widerspiegelt. Überall waren bauliche Barrieren. Deswegen machte ich nutzerorientiertes Bauen zu meinem Thema.

Aber Sie sind sicher nicht rein zufällig darauf gestoßen?

Das stimmt. Ein Kommilitone hatte einen Motorradunfall während des Studiums und war plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen. Damals habe ich miterlebt, wie schwer es war, zusammen etwas essen zu gehen oder etwas gemeinsam zu unternehmen. Man konnte nicht einfach sagen: Wir haben Lust auf Italiener oder Spanier. Wir mussten gucken: Wo gibt es Treppen? Wo gibt es eine Rampe?

Sind unter Ihren Kunden auch Hoteliers?

Ich habe Architekten, die sich von mir beraten lassen und die dann Hotels planen wie das Allgäu Art Hotel in Kemden, ein inklusives Hotel, das Barrierefreiheit ganz gezielt als Teil des Konzeptes vermarktet.

Was sind denn typische Fehler, die gerade in Hotels und Gaststätten auffällig sind?

Kleine Bäder, zu enge Durchgänge und rutschige Bodenbeläge.

Erinnern Sie sich an eine besonders negative Erfahrung?

Ich mache mit meinen Studierenden regelmäßig Begehungen mit Langstock, Simulationsbrille und Rollstuhl: Meine Studenten sind oft entsetzt, wie gering der Wissensstand ist. Wir waren in einem barrierefreien Zimmer, in dem lediglich ein Haltegriff an der Dusche angebracht war. In die Dusche musste man über eine hohe Duschtasse steigen. Gäste müssen sich generell auf Aussagen verlassen können, wenn es heißt, ein Zimmer ist barrierefrei. Es gibt auch einen großen Unterschied zwischen Barrierefreiheit und uneingeschränkt rollstuhlgerecht.

Was können Betreiber schnell ändern?

Es sollte nicht alles zugestellt werden. Viele neigen dazu, freie Bewegungsflächen mit Dekoartikeln zu verzieren. Aber diese Flächen sind wichtig, um sich mit einem Rollator oder Rollstuhl zu bewegen. Brücken und Teppiche sehen zwar schön aus, sind aber Stolperfallen.

Was empfehlen Sie Ihren Kunden?

Nicht alles auf einmal wollen und machen. Am besten lassen sich Projekte umsetzen, wenn sowieso etwas verändert werden soll: Wenn zum Beispiel die alten Teppichböden ausgewechselt werden sollen, dann möglichst unifarbene Böden auswählen, die im Kontrast zur Wand stehen. Muster wirken verwirrend. Statt glatter Fliesen lieber Beläge mit aufgerauter Oberfläche. Im Eingangsbereich sollte eine große Schmutzfangzone sein, die in den Boden eingelassen ist. Damit vermeidet man Stolperfallen. Außerdem müssen Sauberlaufzonen gut mit Rollstühlen und Rollatoren befahrbar sein. Barrierefreiheit hört nicht im Eingangsbereich auf, sondern muss in allen Gasträumen umgesetzt werden, wie Foyer, Bar, Frühstücksraum. Auch eine eindeutige Beschilderung, also ein Leitsystem, gehört zur Barrierefreiheit.

Was ist daran so herausfordernd?

Barrierefrei sind ebene Zugänge – und eben nicht die typische Treppe vor dem Haus. Aber alles hat seinen Sinn: Die Treppe schützt das Haus schließlich vor Wasser. Es gilt also, eine Gebäudestruktur zu entwickeln, die die technischen Anforderungen mit den Bedürfnissen der Menschen zusammenbringt.