Blankenburg l Es ist der 13. Dezember 2019, kurz vor 9 Uhr. Erna Harth ist gerade im Bad, als ihre Wohnung in der dritten Etage der Bertolt-Brecht-Straße 3 in Blankenburg wie von einem Erdbeben erschüttert wird. „Ich habe nur einen lauten Knall gehört, da sauste auch schon die Tür auf mich zu“, erinnert sie sich an jenen Moment. In der Wohnung direkt unter ihr war es zu einer Gasexplosion gekommen. Die damals 96-Jährige hat Glück. Da sie sich „mit einem Fuß im Bad, mit dem anderen im Flur“ direkt unter dem Türsturz befindet, wird sie weder von der Eingangstür getroffen, noch von herabstürzenden Trümmern und herumfliegenden Gegenständen.

„Ich bin auf allen Vieren zum Fenster gekrochen und habe um Hilfe gerufen“, beschreibt sie die bangen Minuten danach, in denen sie, wie sie sagt, keine Zeit hatte, Schreck oder Angst zu empfinden. Instinktiv habe sie die richtige Entscheidung getroffen und sei nicht Richtung Treppenhaus gekrochen. Denn dort hatte sich binnen Sekunden das Feuer ausgebreitet und den Aufgang in dichten, lebensgefährlichen Rauch gehüllt.

Mit Hemd und Hausschuh

Die Hilferufe von Erna Harth werden erst spät gehört. Aber noch rechtzeitig. Als letzte wird sie von Rettern aus dem Unglückshaus gebracht, in das sie vor 43 Jahren als eine der ersten eingezogen war. Seit dem Unglück ist es unbewohnbar. Wenn sie über jenen Morgen erzählt, kann sie inzwischen sogar schmunzeln: „Ich hatte ja nur Hausschuhe und ein Nachthemd an. Und das auch noch linksrum.“ Mit leichten Verletzungen durch Splitter am Schienbein und einer leichten Rauchvergiftung wird sie von Sanitätern in den nahegelegenen Regenstein-Kindergarten gebracht, der für die Bewohner der insgesamt vier betroffenen Hauseingänge hergerichtet wurde. Noch immer ist die Seniorin ganz gerührt von der Hilfsbereitschaft, die ihr dort und in den Tagen und Wochen danach zuteil wurde. „Da entstand ein richtiges Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt sie. So wie sie es sonst nur aus DDR-Tagen kennt. Selbst Nachbarn, die nicht einmal mehr gegrüßt hätten, habe dieser Schicksalstag wieder zusammengebracht. Doch sie ist sich ganz sicher: „Ohne Hilfe von Oben wäre ich wohl dort nicht herausgekommen.“

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Fast alles verloren

Einen besonders großen Dank richtet Erna Harth an die Feuerwehrleute und alle weiteren Retter vor Ort: „Die haben wirklich gut gearbeitet. Das lief ganz hervorragend“, lobt sie, obwohl sie an jenem Morgen zum zweiten Mal in ihrem Leben nahezu alles verloren hat. Denn Erna Harth stammt aus Königsberg, wo sie die verheerenden Bombenangriffe zum Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt und überlebt hat. 1947 floh sie „mit Nichts“, wie sie sagt, aus Ostpreußen und fand in Blankenburg eine neue Heimat. Die gelernte Textilverkäuferin, die in Königsberg noch zwei Jahre als Kinderkrankenschwester gearbeitet hatte, übernahm hier verschiedensten Tätigkeiten, arbeitete in der Küche des Forschungs- und Entwicklungswerks der Bahn (FEW), wo sie bis zur Rente als Wirtschaftsleiterin tätig war.

„Sie hat soviel gearbeitet und war immer für andere da“, sagt ihre Tochter Kornelia, die sich nach der Gasexplosion gemeinsam mit ihrer Schwester Barbara mehrere Wochen intensiv um ihre Mutter gekümmert hat - ihre beiden Brüder immer auf Abruf bereit. „Doch sie wollte unbedingt wieder in eine eigene Wohnung“, erzählt die Blankenburgerin. Hilfe bekommt sie sofort von der Blankenburger Wohnungsgesellschaft, denen der Unglückblock in der Bertolt-Brecht-Straße gehört. „Gabriele Schnee hat sich sofort um eine Wohnung gekümmert. Und ich bin sehr zufrieden damit. Sie ist klein, aber mit Luft“, beschreibt Erna Harth ihr neues Heim mit Balkon in der Neuen Halberstädter Straße. „Ich hab mich hier sofort wohlgefühlt.“

Schöne neue Wohnung

Wie eh und je bewältigt die 97-Jährige dort ihren Haushalt nahezu allein, kocht jeden Tag frisch und geht einkaufen, auch wenn sie dazu einen Rollator benötigt. Schwierig war nur der Start: „Das war für uns neu, vom Teelöffel bis zum Bett alles neu zu beschaffen“, erinnert sich ihre Tochter Kornelia Müller. „Das Schöne war aber, dass sofort Hilfe da war. Die Blankenburger haben für die Betroffenen gespendet, und auch das Möbelhaus Schulenburg ist uns sehr entgegengekommen“, erzählt sie. Erna Harths Enkel haben auf Weihnachtsgeschenke verzichtet und das Geld ihrer Oma geschenkt.

Zum Glück hat die Hausratversicherung den materiellen Schaden beglichen. Denn bis auf ein paar Bilder von den vier Kindern, den sieben Enkeln und acht Urenkeln war so gut wie nichts mehr zu gebrauchen. Durch den Rauch war die gesamte Kleidung kontaminiert, die Möbel demoliert, die alte Nähmaschine durch die Hitze zu einem Klumpen Metall verschmolzen. Einzig das Nachtkleid von damals hängt noch wie ein Trophäe weiterhin in ihrem Bad. Aber einem Stück trauert sie doch ein wenig nach: ihrem alten Telefon. „Das hatte so schöne große Tasten.“